HOG-Schäßburg / Siebenbürgen

 

Orientalische Teppiche in der Klosterkirche

Schäßburg leistet Pionierarbeit auf dem Gebniet der Textilrestaurierung

Die Jahrhunderte alte Tradition des Teppichsammelns und allgemein des sogenannten ‘Teppichkultes’ wie auch die Herkunft, Bedeutung der historischen Türkenteppiche in Siebenbürgen und in unserer Heimatstadt Schäßburg - wurde von mir in dem Beitrag in der Nr. 18 dieser Publikation erläutert.


Teppiche in der Klosterkirche - Foto WL


In dem jetzigen Artikel soll, wenn nicht unbedingt ein Denkmal gesetzt werden, vielleicht mehr ein Mittel gegen menschliches Vergessen, ein schriftlicher Dank denen gesagt werden, die heute nicht mehr unter uns sind, Leuten, die durch ihr persönliches Engagement, Tun und Wirken aktiv dazu beigetragen haben, dass die im Durchschnitt 350 Jahre alten Teppiche, auch heute während des Gottesdienstes oder Kirchenbesuchs den Schäßburgern - und nicht nur ihnen – durch die einmalige Farbenpracht und chromatische Ausstrahlung stets eine lebendige Begleitung darstellen.
Unter dem Terminus technicus ‘Restaurierung/restaurieren’ bekommt man in den herkömmlichen Wörterbüchern etwa die Auskunft, dass es diejenige Tätigkeit sei, deren Ergebnis ein Objekt in seine ursprüngliche oder originale Form und Funktion, oder auch in einen besseren Zustand versetzt. Der kunstbegeisterte Leser oder Sammler wir mir dabei sicherlich Recht geben, wenn ich behaupte, dass so eine aufwändige und verantwortungsreiche Arbeit - von der minimalen Pflege und Konservierung bis zur fachlichen Restaurierung - weit über diesen Begriff hinausgeht und sich dem Status einer „Kunst“ nähert.
Eine passende Definition zu finden ist aber nicht meine Absicht – eher nahm ich mir vor, anhand der noch in dem Kirchenarchiv vorliegenden Dokumenten und den mündlichen Überlieferungen nach – wie durch ein Fenster, einen Blick in die Vergangenheit zu wagen und dem treuen Leser dieser Publikation einige Eindrücke zu diesem Thema zu vermitteln.
Die Teppichkunde als Gattung innerhalb der Kunstgeschichte ist relativ „jung“- die wissenschaftliche und systematische Textilrestaurierung ist eben noch jünger.


Teppichrestaurierung unter der Leitung von Dr. Joseph Bacon
Handarbeitslehrerin Marie Wollmann - Archivbild


Im Jahr 1877 erschien das erste seriöse und fundierte Werk „Altorientalische Teppichmuster“ von Julius Lessing und mit dem Handbuch „Altorientalische Teppiche“ von Alois Riegel wurden in der Kulturgeschichte des morgenländischen Teppichs ein Meilenstein gesetzt.
Daraufhin folgten Ausstellungen, die sich auf Teppiche spezialisierten, wie z.B. 1891 in Wiener Handelsmuseum, dann 1910 in München die Ausstellung von „Meisterwerken mohamedanischer Kunst“ und 1914 auch in Budapest, wo allein aus den lutherischen Kirchen der Siebenbürger Sachsen 157 Exponate (etwa 40%!) stammten.
Auch ein Teil der Schässburger Kirchensammlung war selbstverständlich dabei mit nicht weniger als 30 Exemplaren – demnach 8,4 % der gesamt ausgestellten antiken Teppiche – und sie blieb bis heute eine der wichtigsten überhaupt in Rumänien.


Orientalische Teppiche aus der Klosterkirche


Um die grundlegenden Prinzipien der Restaurierung festzuhalten und sie zu entwickeln kam 1931 in Athen eine internationale Konferenz zusammen. Als Ergebnis wurde die „Charta del Restauro“ verfasst, die sieben Jahre später ergänzt und verbessert wurde. Das wichtigste Dokument wurde aber bei der Tagung des „International Congress for the Protection of Historic Monuments“ in Jahre 1964 in Venedig verabschiedet unter dem Titel „Carta of Venice“, das genaue Hinweise zur Restaurierung gibt auch für dekorative Kunst - unter anderem auch für Teppiche, die in großen Zügen bis heute gültig sind. Der gesetzliche Rahmen betreffend die Restaurierung von Kunstobjekten wird in Rumänien heute im Artikel 27 des Gesetzes 182/2000 - die vielen unter „Legea patrimoniului“ bekannt ist (eigentlich heisst es „Legea privind protejarea patrimoniului nat¸ional mobil“). Hier steht, dass Konservierungs- und Restaurierungsarbeiten nur von Experten und Spezialisten durchgeführt werden können, die von der „Comisia nat¸ionala a Muzeelor si Colect¸iilor“ mit einer Lizenz zugelassen sind. Als persönlichen Eindruck möchte ich hinzufügen, dass einige Formulierungen mich an manche Stellen aus dem Gesetz Nr. 63 / 1974, aus anderen Zeiten erinnern, wo haupt¬sächlich Kunstgegenstände aus dem privaten Besitz, nicht nur aus kirchlichem Eigentum, als „obiecte susceptibile sa? faca? parte din Fondul Nat¸ional de Arta al RSR.“ Interessant!
Ohne zu übertreiben muss man bei aller Bescheidenheit sagen und es steht fest, dass es in Schäßburg diesbezüglich viel früher nicht ganz bescheidene restauratorische Bemühungen gegeben hat.
In einem Dokument mit der Überschrift „Verzeichnis der Teppiche aus dem Besitz der evang. Kirchengemeinde in Schäßburg“ (verfasst und unterschrieben am 15 Juni 1914, von den prominenten „Architekten“ und Vorsitzenden des S. Hann-Vereins) heisst es, dass: „Herr Tapezierer F(riedrich) Müller hat im Sinne des obigen Verzeichnisses zum Herrichten übernommen …48 Stücke (Teppichfragmente) und zwar a.) ganze Teppiche… 28 Stücke, b.) je 2 Hälften von ganzen Teppichen… 14 Stücke, c.) Bruchstücke …6 Stücke. Nach dem Ausnähen auf Leinwand wird aus je zwei Hälften unter b.) ein ganzes Stück…“.
Anhand dieses Fundes, welches zufällig auch die erste vollständige Inventarliste ist, wird bewiesen, wie früh in Schäßburg Textilrestaurierung an diesen prachtvollen Teppichen 17 Jahre vor der „Charta del Restauro“ vorgenommen wurde. Manche kritischen Stimmen würden sicherlich behaupten, dass F. Müller kein Restaurator-Spezialist gewesen sei, sondern ein einfacher Tapezierer. Dem muss entgegnet werden: Erstens war er tatsächlich im Schässburger Raum der Kompetenteste in seinem Fach und zweitens gab es damals diesen Beruf noch nicht.
Ihm haben wir es zu verdanken, dass die vielen Teppichfragmente, die während der Jahrhunderte entstanden, durch ein mehr oder weniger rücksichtsloses Zerschneiden der Teppiche aus rein funktionellen Gründen (z.B. für das Bedecken der Altarstiegen, des Gestühls, der Bänke und des Taufbeckens), dass die inzwischen nicht mehr benutzten Bruchstücke nicht auf dem Müll landeteten oder als Mottenfrass dienten (wie in vielen anderen Gemeinden), sondern von ihm, durch Aufnähen auf Leinen erhalten geblieben sind. Diese zu ganzen Teppichen wiederbelebten 14 Teppichhälften schmücken als schöne Exponate zusätzlich das Interieur unserer Stadtpfarrkirche.
In einem Schreiben des ebenfalls den Schäßburgern bekannten Stadtarztes, Dr. Joseph Bacon, an das Presbyterium von 7.9.1933 macht er die Kirchenleitung auf die katastrophalen Folgen aufmerksam, im Fall dass Motten die Teppiche befallen. Er schlägt vor, nachdem er sich gründlich bei großen und bekannten Sammlern und Kennern erkundigt hat, (wie z.B. bei Emil Schmutzler, dem Tuchfabrikanten aus Kronstadt, dem großen Sammler und Verfasser des heute weltberühmtesten und teuersten Teppichbuches, „Altorientalische Teppiche in Siebenbürgen“ ( im Jahr 1933 in Leipzig verlegt), die Teppiche mit dem Mottenmittel „Eulan“ bei der Firma August Ernst, in Kronstadt, für etwa 140 Lei je Teppich behandeln zu lassen. Diese Aktion im Sinne einer prophylaktischen Konservierung gegen Motten war aber lange nicht alles. Er organisierte zusammen mit Frau Marie Wollmann einen Arbeitskreis/Frauenkreis (siehe Foto) wo fehlende Ecken/Stellen, von Motten gefressene Löcher, Risse und sogar Fransen hergerichtet wurden. Einer der Teppiche sowohl von F. Müller als auch von der liebevollen und wertvollen Handarbeit des Frauenkreises ( bei den heute üblichen Lohnkosten undenkbar und nicht zu finanzieren ! ) profitierte auch ein außergewöhnlicher Teppich, ein Glanzstück der Schäßburger Sammlung. Dieses Exemplar, eines der ältesten in Siebenbürgen (in unserer Stadt, sowieso) ist gleichzeitig ein Unikat! Ich nannte es „Teppich mit Hexagrammen“ (Inv. 1019) wegen dem sich wiederholenden Hauptmuster im Mittelfeld: gelbe achtzackige Sterne, die durch das sekundäre Motiv- mit „S“- Motiven d.h. „adjdaha“= pers. Drache, versehene rotgrüdige Rauten von einander getrennt werden, alles in einer harmonievollen Verflechtung.
Dieser Teppich erinnerte mich an einTeppichfragment, datiert wohlgemerkt ins 13. Jh. ( Inv. Nr. 678) aus dem Türk ve Islam Müzesi Eserleri (Istambul), so dass ich auch anhand der für „Holbein“- Teppiche charakteristische Hauptborte den Teppich Ende 15. Jahrhunderts datierte, bzw. etwa um 1500. Anhand dieses Exemplars und anderer (es waren auch die schönen „Siebenbürger Doppelnischenteppiche“ Inv. 537, 527, die „Lotto“-Teppiche Inv. 531 und 532 etc. - unter den gennanten 7 Teppichen ), kann man sehen, welch ein kleines Wunder 12 fleissige und begeisterte Schässburgerinnen unter der Leitung von Marie Wollmann vollbrachten, die keine anspruchsvolle theoretischen Kenntinisse hatten, dennoch beherrschten sie die alte Technik des Knüpfens in türkischer Art (mit „Ghördes“ – Knoten= symmetrischer Knoten) gut. Sie knüpften selbstverständlich mit einheimischer, mit Hingabe gefärbter, Wolle.
Professionell wurde die Restaurierung in ganz Siebenbürgen und auch an den Schäßburger Teppichen von der sehr bekannten, leider am 24. April 2003, im Alter von 90 Jahren, verstorbenen Kronstädterin, Era Nussbächer durchgeführt, die als Angestellte der Honterusgemeinde zwischen 1974- 1998 die Restaurierungswerkstatt koordinerte und leitete. Sie war zuständig für die Ausbesserung und Instandhaltung sowie Restaurierung und Konservierung der Teppiche und Messgewänder.
Ihr Fach lernte Sie in Wien, an der Sektion ‘Gewerbesammlungen’ des berühmten „Museums für Angewandte Kunst“ (MAK) geleitet von Dr. Dora Heinz und auf Studineaufenthalten und Besuchen in Museen der Bundesrepublik. Ausser der eigentlichen Restaurierung, versuchte Sie durch wertvolle Ratschlage und praktische Tipps, in jeder Kirchensammlung ein gewisses vorbeugendes Bewusstsein bei den verantwortlichen Personen zu erwecken z.B. zum Thema UV Anfälligkeit (der mit Naturpigmenten gefärbten Teppichen, die wegen ihrer Lage stark dem Sonnenlicht ausgesetzt waren), Motten- und Insektenschutz, wie auch zur Verbesserung der Aufhängeposition entlang der Kettfäden (Längsrichtung senkrecht) und nicht umgekehrt, wie es in vielen Fällen vorkam (im Gestühl, Emporen).
In der Hoffnung, dass auch dieser Artikel ein gewisses Interesse an den von manchen als „alte Fetzen“ bezeichneten Teppichen und die leider eher als Last empfunden als mit Stolz betrachtet werden, plädiere ich im Schlusswort für eine höhere Sensibilität und Aufmerksamkeit diesen Kunstobjekten gegenüber, bei unseren Mitbürgern, Landsleuten, aber auch bei Touristen.
Die Schäßburger Teppichsammlung bleibt die zweitgrößte Siebenbürgens und eine der wichtigsten in Rumänien, bekannt eher bei den Spezialisten im Ausland durch einige ihrer seltenen Exemplare (Inv. Nr. 1019, 536, 1289, 534, 1012 etc.) Ich hoffe, dass die Sammlung in Zukunft mehr lokale Wärme und Aufmerksamkeit erhält, so wie einst vor dem zweiten Weltkrieg!

Georg Hundorfean (Schäßburg)

 

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