Vortrag von Prof. Hermann Baier
Das Schulwesen der Siebenbürger Sachsen
Die Bergschule zu Schäßburg
Die Siebenbürger Sachsen wurden von dem ungarischen König Geisa
II. (1141–1161) nach Transsilvanien gerufen, um es gegen Feinde
zu verteidigen (ad retinendam coronam) und es wirtschaftlich zu erschließen.
Dafür erhielten sie weitgehende Sonderrechte, die 1224 in dem „Goldenen
Freibrief“ von König Andreas II. bestätigt und erweitert
wurden. Sie waren nur dem König untertan und besaßen auf dem
Königsboden eine territoriale und politische Autonomie. Auch nach
Aufhebung des Königsbodens im Jahre 1876 konnten sie, gestützt
auf ihre seit 1547 evangelische Kirche, ihre kulturelle Eigenständigkeit
bewahren. Ihre Zahl betrug 1930 237 369 und erhöhte sich bis Ende
1939 auf 252 551.
Die Schule hatte für die Siebenbürger Sachsen immer eine zentrale
Bedeutung. Ihr Schulwesen entstand schon in den ersten Jahrhunderten nach
der Einwanderung. Die Schulen waren auch auf den Gemeinden kirchlich-kommunale
Gemeindeschulen. Einige gab es wohl seit dem 12. Jahrhundert. Die ersten
werden 1334 urkundlich erwähnt. In Hermannstadt besteht seit 1380
eine Schule.
Mit der Reformation nahm das Schulwesen der Siebenbürger Sachsen
einen großen Aufschwung. Der Reformator Johannes Honterus gründete
1541 in Kronstadt das erste humanistische Gymnasium in Südosteuropa.
Seine Schulordnung wurde zum Muster für die Schulen der anderen sächsischen
Städte, die auch zu humanistischen Gymnasien umgestaltet wurden.
Die Schulordnung sieht eine weitgehende Schülerselbstverwaltung vor,
die an den Oberklassen des Gymnasiums bis 1940 in dem so genannten “Coetus”
praktiziert wurde.

Lateinische Inschrift "Patriae Filiis...." Foto: Dieter Moyrer
In der Folge wurde das gesamte Schulwesen im Sinne der neuen Erziehungsziele
umorganisiert. Es setzte die Entwicklung zu einer Zweiteilung ein: auf
der einen Seite das Gymnasium, auf der anderen die spätere Volksschule.
1722 beschloss die Generalsynode die „Allgemeine Schulpflicht“,
und zwar für Knaben und Mädchen. 1763 gab es in den sächsischen
Städten und Dörfern 5 Gymnasien, 16 Höhere Volksschulen,
in denen einige Schüler auch Lateinunterricht erhielten, und 236
gewöhnliche Volksschulen bei etwa 125 000 Seelen.
Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die sächsischen Gymnasien einheitlich
und modern ausgebaut. Sie wurden achtklassige Anstalten mit Unter- und
Obergymnasium von je vier Schuljahren, die auf vier Elementarklassen aufbauten.
Als Zwischenglied zwischen Volksschule und Gymnasium entstanden, ebenfalls
auf vier Elementarklassen aufbauend, vierklassige Bürgerschulen und
Realschulen.
Auch der Kindergarten und das berufsbezogene Bildungswesen der Siebenbürger
Sachsen können auf eine beachtliche Tradition zurückblicken.
1869 wurde der erste Kindergarten in Kronstadt eröffnet, und schon
1883 wurden dort Kindergärtnerinnenbildungskurse eingerichtet, aus
denen sich die Kindergärtnerinnenbildungsanstalt entwickelte.
Schon 1825 war in Hermannstadt und 1841 in Kronstadt je eine Handelsschule
gegründet worden. 1871 beschloss die Nationsuniversität die
Errichtung von Gewerbeschulen in neun sächsischen Städten und
Märkten; im selben Jahr wurden auch drei Ackerbauschulen gegründet.
Nach dem österreich-ungarischen Ausgleich 1867 gelang den Siebenbürger
Sachsen in der Abwehr der Magyarisierungsmaßnahmen ein qualitativer
Ausbau ihres allgemein bildenden Schulwesens, der Ausbau der Lehrerbildung
in zentralen selbstständigen Anstalten (Gründung des Ev. Landeskirchenseminars
in Hermannstadt 1878, der Lehrerinnenbildungsanstalt für Mädchen
in Schäßburg 1904) sowie die Institutionalisierung der Lehrerfortbildung.
Während die Schule im übrigen Ungarn zu einem Instrument der
Magyarisierung wurde, war sie in Siebenbürgen ein Bollwerk gegen
die Magyarisierung.
Um die Jahrhundertwende verfügten die rund 230 000 Siebenbürger
Sachsen, neben 256 Volksschulen und 14 Höheren Volks- und Bürgerschulen,
über 9 Gymnasien, hier Mittelschulen genannt. Bei der Angliederung
Siebenbürgens an Rumänien nach dem Ersten Weltkrieg wurde den
Siebenbürger Sachsen eine regionale Religions- und Schulautonomie
zugesichert. Das Partikularschulgesetz von 1925 gab den Kirchen die Möglichkeit
der Gründung und Erhaltung eigener Schulen und billigte dem Staat
zwar große aber begrenzte Aufsichtsrechte zu. Das Gesetz enthielt
auch eine Reihe von Härten: Die Kirche hatte nicht mehr das Recht,
den Lehrplan für die eigenen Schulen festzusetzen, das Bakkalaureatsgesetz
führte eine Art Zentralabitur ein, und die Absolventen von Lyzeen
mit nichtrumänischer Unterrichtssprache wurden von fremden Lehrern
in rumänischer Sprache geprüft. Die Scheiterquote war in diesen
Jahren entsprechend hoch.
Vor Beginn des Zweiten Weltkrieges besaßen die Siebenbürger
Sachsen ein privates, konfessionelles Schulwesen von großer Differenziertheit:
112 Bewahrungsanstalten, 45 Kindergärten, 279 Volksschulen, 9 Gymnasien,
8 Lyzeen, 12 Gewerbeschulen, 1 Höhere Handelsschule, 3 Seminare und
3 Ackerbauschulen.
Eine Entwicklung, die eine dreijährige Episode blieb, wurde durch
das Volksgruppengesetz vom 20. November 1940 geschaffen. Die Deutsche
Volksgruppe in Rumänien wurde zur juristischen Person des öffentlichen
Rechts erklärt und erhielt Schulautonomie. Nach Erlass des Dekret-Gesetzes
über die Einrichtung des deutschen Schulwesens in Rumänien vom
November 1941 und nach einem Vertrag mit der Evangelischen Landeskirche
A. B. übernahm das Schulamt der Deutschen Volksgruppe die von der
Kirche widerstrebend übergebenen Konfessionsschulen. Der Staat trug
die Kosten. Das Schulamt erhielt das Recht, Schulen zu errichten und zu
leiten sowie eigene Lehrpläne, Schul- und Prüfungsordnungen
zu erlassen, die nur mit den Zielen der staatlichen Ordnungen übereinstimmen
mussten.
Nach dem Umsturz in Rumänien am 23. August 1944 traten (nach einer
kurzen Phase der Übernahme der Schulen durch die Kirche) mit der
Verstaatlichung des Schulwesens im Jahre 1948 grundlegende Veränderungen
ein. Die Schule wurde von der Kirche streng getrennt, ab 1959 wurden die
deutschen Schulen Begegnungsschulen, d. h., es kamen rumänische Klassenzüge
hinzu, sie wurden Abteilungen mit deutscher Unterrichtssprache der rumänischen
Schuleinheiten. (Ausnahmen bildeten eine Zeit lang die Brukenthal- und
die Honterusschule). Im Schuljahr 1988/89 gab es in Rumänien schätzungsweise
500 deutschsprachige Abteilungen (vom Kindergarten bis zum Lyzeum) mit
35 000 Kindern und Schülern, davon etwa 60 % in Siebenbürgen.
Hier gab es im Schuljahr 1985 ca. 370 Abteilungen mit 27 000 Kindern und
1300 Lehrern.
Nach der Revolution von 1989 begann der große Exodus der sächsischen
Bevölkerung aus Siebenbürgen. Am 1. Januar 1990 zählte
die Evangelische Kirche 102 391 Seelen. Im Januar 1977, vor Beginn der
Familienzusammenführung waren es noch 166 092 gewesen. Am 1. Januar
1995 betrug die Zahl 21 942. Für den deutschsprachigen Unterricht
eröffneten sich neue Möglichkeiten. Der Unterricht in der Muttersprache
ist gewährleistet, die Kontakte zum deutschen Sprach- und Kulturraum
sehr intensiv, materielle und personelle Hilfen sind gestattet. Unterstrichen
werden muss auch der gute Willen der Schulbehörden, die besonders
in den ersten Jahren Klassen mit deutscher Unterrichtssprache bewilligten
mit sehr wenigen Schülern, sodass die Schulen weiter bestehen konnten.
Die Schulkommission des Siebenbürgerforums hat in all diesen Jahren
nach 1990 wertvolle Daten bezüglich unseres Schulsystems gesammelt,
die wahrscheinlich in einem anderen Vortrag dargestellt werden. Darum
wollen wir auf diese Zeit nicht näher eingehen.
Es muss festgehalten werden, dass die Schule für die sächsischen
Gemeinschaften immer eine besondere, eine existenzielle Bedeutung gehabt
hat. Friedrich Müller schrieb: „Die Sachsen mussten, was ihnen
an zahlenmäßiger Masse abging, durch bessere Leistungen so
zu ersetzen trachten, dass sie im Lande immer wieder als unentbehrlich
empfunden und ihnen darum allezeit die nötige Entwicklungs- und Bewegungsfreiheit
eingeräumt wurde.“
Die Existenz eines Schulwesens wird in Schäßburg erstmalig
1522 in einem Dokument erwähnt, in dem von einem „Rector scholae“
mit der akademischen Würde eines Baccalaureus berichtet wird, dem
der Stadtrat von Schäßburg ein Kleid im Werte von vier Gulden
für seine Verdienste verehrte, „damit er sich Mühe gäbe
mit den Jünglingen“. Es ist aber sicher älter, da in dem
Zeitraum von 1445 bis 1522 nachweislich 95 Schäßburger Studenten
an der Wiener Universität studierten, die ihre Grundausbildung in
Schäßburg erhalten haben dürften. Schäßburg
dürfte damals eine Lateinschule gehabt haben. Die Bedeutung der lateinischen
Sprache geht auch aus einem Spruch hervor, den der Schäßburger
Meister Reichmuth 1523 in Intarsien in das Chorgestühl in der Bergkirche
einlegte.
Diese Lateinschule, in den Urkunden „Alte Schul“ oder „Schola
Maioris“ genannt, stand auf dem heutigen Predigerhof. Erst 1606–1607
wurde sie auf den waldigen Bergkegel verlegt, der sich inmitten der Stadt
erhebt und auf dem bereits der mächtig aufstrebende Bau der Bergkirche,
der Zinngießerturm und der Goldschmiedeturm emporragten. Das war
die Geburtsstunde des Schäßburger Gymnasiums.
Doch bald genügte das Gebäude den Ansprüchen der Schule
nicht mehr, und schon 1619 ließ Bürgermeister Martin Eisenburger
die „Naye Schull“ (das Nebengebäude) bauen und die Aufschrift
„Schola Seminarium Reipublicae“ („Die Schule –
eine Pflanzstätte des Gemeinwesens“) anbringen. Dieses Gebäude
beherbergte einen gewölbten Hörsaal und im Stockwerk darüber
vier Stübchen für Lehrerwohnungen. Das letzte Stockwerk wurde
als Zeichensaal erst in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts
gebaut.
Um den schwierigen Aufstieg zum Schulberg, besonders während der
Wintermonate, zu erleichtern, wurde 1654 die „Schülertreppe“
gebaut. Sie hatte damals „an die 300 Stufen“ (heute 176).
Auf Drängen des Rektors Johann Mild wurde 1792 mit dem Bau eines
neuen Gymnasialgebäudes begonnen. Es wurde ein neuer zweistöckiger
Schulbau errichtet, an dessen Stirnseite die Anschrift angebracht wurde:
„PATRIAE FILIIS VIRTUTI PALLADIQUE SESE VOVENTIBUS SACRUM“
(„Den Söhnen des Vaterlandes, die sich der Tugend und Wissenschaft
gewidmet haben, ein Heiligtum“). Die höheren Buchstaben, als
römische Zahlenzeichen summiert, ergeben als Chronogramm das Jahr
1793.
Der Berg, auf dem die Schule steht, heißt Schulberg (nicht Kirchberg,
obwohl die Bergkirche schon um 1483 fertig gestellt wurde, und die Schule,
Bergschule. Sie war aber nicht die einzige Schule, die in Schäßburg
Wissens- und Bildungsdrang förderte. Bereits 1565 wurden in der Unterstadt
die „Spitalsschule“ und 1616 die Siechhofschule gegründet.
Die Bergschule war im 19. Jahrhundert und besonders in seiner zweiten
Hälfte die „führende siebenbürgisch-sächsische
Bildungsstätte“, eine „Referenzschule“ (Prof. Dr.
Paul Philippi). Geistiger Träger dieser Schule war das Lehrerkollegium,
das das Glück hatte, nicht nur drei seiner Direktoren in lückenloser
Aufeinanderfolge als Bischöfe in Birthälm und Hermannstadt zu
sehen (1843–1867 Georg Paul Binder, 1867–1893 Georg Daniel
Teutsch, 1893–1906 Friedrich Müller, dann 1906-1933 Friedrich
Teutsch, der Sohn von G. D. Teutsch), die fast ein Jahrhundert lang die
Geschicke der Siebenbürger Sachsen wesentlich mitbestimmten, sondern
daneben in seinen Reihen auch Persönlichkeiten zu haben, die als
Pädagogen und Wissenschaftler weit über die Schule hinaus bekannt
waren (Joseph Haltrich, Michael Albert, Richard Schuller, Johann Wolff,
und später Heinrich Höhr, Karl Roth, Julius Hollitzer, Hans
Markus u. a.)
Die Schäßburger haben für ihre Schulen besonders in den
letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts große materielle Opfer
gebracht: 1877 wurde die neue evangelische Mädchenschule anstelle
der Spitalskirche erbaut, 1890 errichtete man die neue evangelische Knabenschule,
1898 wurde das Alberthaus, das Schülerinternat der Bergschule, übergeben.
1901 wurde die Bergschule umgebaut und aufgestockt; sie erhielt das heutige
Aussehen und den Namen ihres wohl bedeutendsten Direktors: Bischof-Teutsch-Gymnasium,
den sie bis 1948 getragen hat. Es war ein Jungengymnasium, in das, auch
dank des guten Internates, Jungen aus dem ganzen Land, sogar aus dem Banat,
kamen. Ihre Lehrer allerdings haben die Schäßburger nicht mit
übermäßig hohen Gehältern verwöhnt. Joseph Haltrich
soll einmal gesagt haben, dass der schöne Ausblick von dem Schulberg
die Hälfte des Gehaltes ausmache.
Der international wohl bekannteste Schüler und Lehrer des Bischof-Teutsch-Gymnasiums
war Hermann Oberth, der Vater der Raketentechnik und Raumschifffahrt.
Es muss betont werden, dass die Bergschule ihre Türen immer offen
hatte für alle, die hier lernen wollten. Einige Beispiele: Zaharia
Boiu, Ilarie Chendi, Remus Radulet, Heinrich Blau u.v.a.
Die Schulreform von 1948 wandelte das Jungengymnasium in eine Gemischte
Pädagogische Schule mit Deutscher Unterrichtsprache um.
Die Schule, gebildet aus dem evangelischen Lehrerseminar aus Hermannstadt
und dem evangelischen Lehrerinnenseminar, das in Schäßburg
1904 eröffnet worden war, hat bis 1955 hervorragende Lehrergenerationen
für unsere sächsischen Gemeinden ausgebildet. Viele der Absolventen
wurden Schuldirektoren und sogar Inspektoren und Kulturaktivisten.
1956 wurde die Bergschule in das theoretische Lyzeum Nr. 3 umgewandelt.
1959 wurden die Klassen 1–7 in das damalige Mädchenlyzeum und
in die Bergschule ein rumänischer Klassenzug der Klassen 8–11
gebracht.
1972 anlässlich der 450-Jahr-Feiern seit der ersten urkundlichen
Erwähnung erhielt die Schule den Namen ihres ehemaligen Schülers,
Lehrers und Direktors: Joseph Haltrich.
1977 wurde das Joseph-Haltrich-Lyzeum Industrielyzeum, hatte aber auch
Mathematik- und Physikklassen.
Seit 1990 ist das Joseph-Haltrich-Lyzeum wieder theoretisches Lyzeum mit
Klassen für Informatik-Mathematik, Sprachen und Biologie-Chemie.
Infolge der massiven Auswanderung der sächsischen Bevölkerung
musste man im Herbst 1990 die Reste der deutschen Klassen 1–8 aus
der ganzen Stadt auf der Burg sammeln und in zwei Gebäuden, im Internat
und in der Schanzgasse, unterbringen. Die Schule hat seither je zwei Klassen
1–8 mit deutscher Unterrichtssprache und je fünf Klassen 9–12,
drei davon mit rumänischer und zwei mit deutscher Unterrichtssprache.
Es muss abschließend besonders unterstrichen werden, dass die Gebäude
der Schule, angefangen von 2002 durch die Hermann-Niermann-Stiftung aus
Düsseldorf, hervorragend repariert und modernisiert worden sind.
Ein ganz großer Dank gebührt in diesem Sinn der Familie Dr.
Karl Scheerer für ihren selbstlosen Einsatz bei der Ausführung
dieser Arbeiten.
Hermann Baier, Schäßburg

Letztes Update:
2007-03-04
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