HOG-Schäßburg / Siebenbürgen

Dr. Hermann Binder – ein Leben für die Kirche

 

Am 2. August 2006 ist Hermann Binder, Pfarrer und Theologieprofessor, in Rastatt im hohen Alter von 94 Jahren gestorben. Am 7. August d.J. haben wir ihm, dort auf dem Waldfriedhof, das letzte Geleit gegeben. Eine große Gemeinde begleitete ihn auf seinem letzten Weg und erwies ihm die letzte Ehre. Viele von denen, die unser Nachrichtenblatt lesen, werden Dr. Hermann Binder nur noch flüchtig oder gar nicht mehr kennen. Doch die alten und älteren Schäßburger unter uns erinnern sich gerne an ihn. Denn ein Teil seines Lebens und Wirkens gehörte auch uns. Wer war Hermann Binder?

Hermann Binder wurde am 25. Dezember 1911 im evangelischen Pfarrhaus zu Halvelagen geboren. Er besuchte das „ Bischof-Teutsch“-Gymnasium in Schäßburg. Diese traditionsreiche Bildungsanstalt legte das Fundament für die gediegene Ausbildung, die er sich anschließend an den Universitäten Wien, Tübingen und Berlin (1929 – 33) im Blick auf den zu ergreifenden Beruf eines evangelischen Pfarrers erwarb. Er gehört zu den wenigen Volltheologen unserer siebenbürgischen Kirche vor dem zweiten Weltkrieg, die sich ausschließlich für den Dienst im Pfarramt vorbereiteten. War es doch üblich, dass siebenbürgische Pfarrer erst nach der Ausübung eines Lehrerberufes als reife, erfahrene Männer ins Pfarramt wechselten. Das vorgeschriebene Vikariatsjahr leistete Hermann Binder bei seinem Vater in Halvelagen ab. 1934 wurde er Pfarrer der stattlichen Landgemeinde Keisd und 1938 berief ihn die Schäßburger Kirchengemeinde zu ihrem Stadtprediger und Seelsorger, wo er sich „trotz seiner Jugend“ (Archiv) auf der Kanzel und in der Seelsorge bewährte. Hermann Binders wissenschaftliches Interesse galt der Arbeit am Neuen Testament, worüber die „Kirchlichen Blätter“ jener Jahre Zeugnis ablegen. 1942 ging Hermann Binder für drei Monate nach Transnistrien, wo er als evangelischer Pfarrer tätig war. Aufschlussreiche Tagebuchaufzeichnungen berichten über jenen außergewöhnlichen Einsatz. Dieser ungewöhnliche Zeitabschnitt war gleichsam ein Vorbote dessen, was noch kommen sollte. Die veränderte politische Lage nach dem 23. August 1944 stellte Volk und Kirche in eine Zeit des Umbruchs hinein, wie es sie in der Geschichte unseres Volkes noch nie gegeben hatte. Hermann Binder wurde mit vielen Schäßburgern nach Russland deportiert, wo er schwer erkrankte. Nach drei Jahren konnte er über die damalige Ostzone Ende 1947 heimkehren und kurz vor Weihnachten seinen Pfarrdienst in Schäßburg wieder aufnehmen. Inzwischen hatte sich der Wind gedreht. Der politische Umschwung hatte zu grundlegenden Veränderungen auf allen Gebieten geführt.1948 schuf ein neues Kultusgesetz auch in der Kirche neue Verhältnisse. Weltanschaulich repressive Jahre bestimmten von nun an Leben, Denken und Handeln der Menschen. Der Alleingültigkeitsanspruch der kommunistischen Partei und des von ihr bestimmten Staates erstreckte sich auf alle Gebiete. Auch die Arbeit der Kirche wurde stark in Mitleidenschaft gezogen. Auslandsstudien, bisher üblich, waren nicht mehr möglich. So gründete unsere Kirche 1949 zusammen mit den andern protestantischen Kirchen Rumäniens in Klausenburg das „Vereinigte Protestantisch-theologische Institut mit Universitätsgrad“ als Ausbildungsstätte für angehende Pfarrer dieser Kirchen. Schon 1949 wurde Hermann Binder zum theologischen Lehrer berufen, zunächst für das Fach „praktische Theologie“. Ab 1953 dann für die wissenschaftliche Arbeit am Neuen Testament. Für diesen Dienst in Klausenburg wurde er vom Schäßburger Presbyterium beurlaubt. Als 1955 das Theologische Institut dann nach Hermannstadt verlegt wurde, bestand die Möglichkeit, dass 1956 auch die Familie nach Hermanstadt umziehen konnte. Am 21. Oktober 1956 fand in der Klosterkirche die Verabschiedung aus dem Schäßburger Pfarramt statt. Es war ein schwerer Abschied. Hermann Binder war allseits beliebt und geachtet, als Mensch und als Pfarrer. Am Abend versammelten sich die Mitglieder des Presbyteriums sowie alle Mitarbeiter mit der Familie zu einem bescheidenen Abschiedsessen. In seinem Abschiedswort bei Tisch bezog sich Hermann Binder auf die prägenden sowie arbeitsreichen Jahre in Schäßburg und sagte dann wörtlich: „wenn zwei Pfarrer in einer Gemeinde in Eintracht zusammenarbeiten, ersetzen sie einen dritten“, und gab somit seiner Freude über die ersprießliche Zusammenarbeit Ausdruck (Archiv). Die Verbindung zwischen Hermann Binder und der Kirchengemeinde Schäßburg ist nie abgerissen. Er blieb ein guter Freund unserer Gemeinde sowie ein gern gesehener und gehörter Prediger und Gast.
Bis zu seiner Emeritierung vertrat Hermann Binder erfolgreich den Lehrstuhl für Neues Testament in Lehre und Forschung. Als langjähriger Dekan des theologischen Institutes ist es ihm zusammen mit den andern Fachkollegen gelungen, auf den dornigen Pfaden eines gesellschaftlichen Veränderungsprozesses den Weg der Kirche zu finden und zu gehen. Jene Lern- und Lehrjahre waren für uns und unsere theologischen Lehrer oft eine Zeit auf des Messers Schneide, eine Zeit auf Biegen und Brechen. Manchmal standen wir an Grenzen. Zwar sah das Bischofshaus in Hermannstadt, wo das theologische Institut untergebracht war, von außen betrachtet, wie eine feste Burg aus. Aber es war keine Insel der Seligen, sondern eine Stätte der Auseinandersetzungen. Deshalb war es für unsere Lehrer eine zwingende Notwendigkeit, uns geistige sowie geistliche Wegleitung zu geben, Grundlagen zu legen, um in diesem atheistisch militanten Umfeld ein christliches und kirchliches Aufgabengebiet zu erkennen, wahrzunehmen und anzunehmen. Alte Denkmuster halfen nicht weiter. Vieles war durch die Verhältnisse einfach weggebrochen. Wir wurden in jenen Jahren auf heilsame Anfänge zurückgeworfen. Es galt sich auf die Kernaufgaben der Kirche neu einzulassen und zu konzentrieren, wozu Basisnähe und Christusnähe gehörten. Unsere theologischen Lehrer gaben uns eine innere Festigkeit und Tapferkeit, um in unserem Leben und Denken Evangelium und Welt miteinander zu verbinden. Sie verstanden sich nicht nur als Wissenschaftler und Forscher, sondern als Lehrer und Glieder unserer siebenbürgischen Kirche bzw. ihrer Gemeinden.
In diesem Sinne arbeitete Hermann Binder gerne in verschiedenen Gremien der Gesamtkirche mit: 16 Jahre als Bischofsvikar, fünf Jahre als Schriftleiter der neuen Folge unserer „Kirchlichen Blätter“. Darüber hinaus arbeitete er tatkräftig an der Herausgabe des neuen evangelischen Gesangbuches unserer Kirche mit und schaltete sich immer wieder als wirkungsvoller Prediger in Dienst der Gemeinden ein, wobei seine Liebe für die unterschiedlichen Traditionen in unseren Gemeinden immer sehr deutlich zum Vorschein kam.
Als Bischofsvikar (geistlicher Vertreter des Bischofs) vertrat Hermann Binder unsere Kirche beim Weltrat der Kirchen. Schon 1961 war er in Neu-Delhi in den Zentralausschuss des Ökumenischen Rates der Kirchen gewählt worden. Diese ökumenische Dimension kirchlicher Arbeit war gerade in jenen Jahren für uns als kleine Kirche ganz wichtig geworden. Sie schuf uns weltweit viele Freunde und machte uns bekannt.
Als wir – dreizehn Theologen und Pfarrer unserer Kirche – ihm zum 70. Geburtstag die Festschrift „Im Kraftfeld des Evangeliums“ überreichten, war das ein Zeichen der Verbundenheit und des Dankes, das wir unserem verehrten Lehrer darbringen wollten. Denn er hatte wesentlich dazu beigetragen, die neue Pfarrergeneration unserer siebenbürgischen Kirche zu prägen und vom Zentrum des evangelischen Glaubens her auszurichten.
Als Ruheständler lebte Hermann Binder auf dem Huet-Platz in Hermannstadt, von wo er 1992 zu seinen Kindern nach Rastatt aussiedelte und hier wohlbehütet seinen Lebensabend verbrachte.

Die vielen ehemaligen Studenten, inzwischen gestandene Pfarrer bzw. Ruheständler, die ihren Professor und Dekan auf diesem letzten Weg begleiteten, erlebten diesen Abschied im Spiegel sehr persönlicher Erinnerungen. Hermann Binder ist der letzte unserer theologischen Lehrer der ersten Generation, dem wir die letzte Ehre erwiesen. Alle andern, mit denen wir einst in Klausenburg oder in Hermannstadt unsere theologische Existenz begannen, ruhen längst in Siebenbürgen und in Deutschland in Gottes Erde. Insoweit war dieser Abschied auch ein Wendepunkt. Wir erlebten diesen Tag deshalb auch wie ein Vermächtnis. Denn die Prägungen, Werte und Erfahrungen, die noch einmal aufleuchteten, bleiben für uns Hinweis und Spur des Lebens. Erinnerungen erweisen sich nämlich immer auch als eine Sprachlehre der Hoffnung. Sie sind die „Heimwehleiter, die den Tod übersteigt“ (Nelly Sachs).Im Blick auf diese Hoffnung hat uns Hermann Binder immer wieder auf einen Text aus dem 2. Korintherbrief hingewiesen, wo es im 5. Kapitel heißt: „Wir wissen, wenn unser irdisches Haus, diese Hütte zerbrochen wird, dann haben wir einen Bau von Gott erbaut. Ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel ... So sind wir denn allezeit getrost und wissen: solange wir im Leibe wohnen, weilen wir fern von dem Herrn, denn wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen.“
In diesem Sinne gedenken wir gerne unseres theologischen Lehrers. Und wir bleiben auch gerne seine dankbaren Schüler, auch übers Grab hinaus.
Und in diesem Sinne werden auch wir Schäßburgerinnen und Schäßburger ihm ein ehrendes Andenken bewahren.

Dr. August Schuller, Brühl.


 

 

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