HOG-Schäßburg / Siebenbürgen

 

 

110 Jahre Schäßburger Kleintierzuchtverein
1896 - 2006

„Geflügel- und Vogelschutz-Sektion Schäßburg des Siebenbürgisch-Sächsischen Landwirtschaftsvereins“ (Nov.1896), „Großkokler Kleintierzuchtverein in Schäßburg“ e.V. (1923), „Rassegeflügelzucht-Verein Schäßburg“ (1951), schließlich „Geflügel- und Kleintier-Züchterverein, Zweigstelle Schäßburg“ (ab 1990), das sind die amtlichen Benennungen des uns eher geläufigen „Kokeschvereins“.

Kein anderer Verein, aus der Fülle jener unserer Stadt ist vom Ende des 19., über das bewegte 20., im 21. Jahrhundert angekommen. Womöglich verdankt er das dem gewiss unpolitischen Verhalten der Kleintiere, aber auch der Tatsache, dass die Züchter die Politik außen vor gelassen haben, in Kenntnis, dass auch hier die Sicherheitspolizei mittels einiger Mitglieder anwesend war. 11 Jahrzehnte Vereinstätigkeit, die „am 6. November 1896 in einer Versammlung, welche abends 9 Uhr in dem
Gasthaus der heutigen ´Heimat´ zusammentrat, die Gründung ... vorzunehmen“ (Zitat aus Festschrift 1936) startete, mit Einschränkungen während der zwei Weltkriege, der Deportation ab 1945 bis 1949 und mit massivstem Rückschlag nach 1989, bedingt durch Überalterung der Mitglieder sowie mangelndem Nachwuchs, vor allem als Folge der Auswanderung fast aller sächsischen Züchter. Fest steht aber: Der Verein überlebte und zeigte sich letztens in neuer Frische am 4.-6. November 2006 in einer Jubiläumsausstellung mit über 200 Rassehühnern und -tauben, bei dessen feierlichen Eröffnung auch Vertreter des Bürgermeisteramtes und der Präfektur zugegen waren.

Frönen wir ein wenig der Statistik. In 110 Jahren haben über 90 Ausstellungen am Ort
stattgefunden, an vielen Ausstellungen im Inland haben sich Züchter beteiligt, anwesend
waren Zuchttiere aus Schäßburg in Budapest, Wien, Graz, Breslau, Leipzig und Krakau
(in der Zwischenkriegszeit), in Wels (Österreich, 1978). Der Verein hatte seit Existenz
19 Vorstände: Heinrich Kraus, Wilhelm Fröhlich, Andreas W. Lingner, Johann Klusch, Rudolf Waedt, Johann Keller, Martin Tontsch, Josef Zimmermann, Heinrich Eder, Fritz Fromm, Konrad Adleff, (ab 1951) Friedrich Schmidt, Friedrich Theil, Hans Wotsch, Hans Hügel, (ab 1981) Onoriu Corbeanu, Ioan Manta, Gheorghe Moldovan, (ab 2000) Mihai Tântareanu.
Bei seiner Gründung hatte der Verein 18 Mitglieder, 1936 waren 47 Züchter dabei,
110 Mitglieder waren es 1976, heute sind es nur noch 23 Mitglieder, mit (hoffentlich) steigender Tendenz.
Bis 1950 war der Verein sächsisch, mit leichter ungarischer Unterwanderung und einem
Vertreter der Mehrheitsbevölkerung und das war eine Frau, die einzige unter Männern.
Auch nachher waren Frauen die Ausnahme, heute ist eine Frau dabei, eine Sächsin.

Die Schäßburger Züchter pflegten in ihren Ställen stets sehr wertvolles Zuchtmaterial. Unzählige Auszeichnungen Diplome und Pokale heimsten sie für ihre sehr breit gefächerten Hühner-, Enten-, Gänse-, Tauben- und Hasenrassen, für Zier- und Singvögel, ein. Besonderes Interesse galt dem Siebenbürgischen Nackthalshuhn, das um die Mitte des 19. Jahrhunderts erstmals auf dem Graf Hallerschen Gut in Weißkirch auftauchte. In der Nachfolge mehrerer Züchter, dieser Rasse, wie Klusch, Lingner, Tontsch, hat Hans Moyrer erstmals 1938 ein weißes Nackthalshuhn in Wien ausgestellt. 40 Jahre danach, 1978 in Wels, auf der 16. Europa-Schau für Kleintierzucht hat derselbe Züchter für seine dort ausgestellten Nackthalshühner einen Sonderpokal zugesprochen bekommen. Die Anwesenheit des Schäßburger Vereins in Wels, stellvertretend für Rumänien, war sowieso ein voller Erfolg: Insgesamt 6 Gold-, 7 Silbermedaillen gingen nach Schäßburg. Ebenso erhielt Josef Fritsch den „Großen Preis“ für eine schwarze Orpington-Henne. Insgesamt 64 Tiere (20 Geflügelrassen) wurden ausgestellt, alle, nach Schluss der Schau, veräußert an Züchter aus Westeuropa.

In den Jahren vor 1989 hatte der Verein einige „Gönner“, ehemalige Vereinskollegen, die
den Züchtern auf oft abenteuerliche Weise, weil vom rumänischen Staat nicht erlaubt, Bruteier zukommen ließen, für die Blutauffrischung der vorhandenen Rassen von großer Wichtigkeit. Ich nenne hier die beiden Landsleute Walter Schuster, damals Frechen und Wilhelm Hayn („Csasar“) aus Erlangen. Nach 1990 hat bloß Josef Fritsch seine Züchterkollegen nicht vergessen. Öfters hat er Bruteier geliefert, auch sonstige Zuwendungen getätigt. Das rechnet ihm sein ehemaliger Verein hoch an. Gut, dass es auch noch solche Leute gibt!

In den schwierigen siebziger und achtziger Jahren hat auch noch eine weitere Achse existiert. Dem Vereinssekretär Gheorghe Schiopea ist es gelungen über den damaligen Ministerpräsidenten Ion Gheorghe Maurer, seinem Jugendfreund, die Genehmigung einzuholen, aus der damaligen DDR Zuchttiere, ebenfalls zur Vermeidung von Inzucht bei vorhandenen Tieren, nach Schäßburg zu bringen. Auch bei der Beschaffung von Futter wurde diese Beziehung angestrengt.

Es sei hier noch erwähnt die Kleintierausstellung vom Oktober 1930, welcher „die hohe Ehre
zuteil wurde, dass Seine Majestät der König und Seine königliche Hoheit Prinz Nikolaus, ...
mit einem großen Gefolge von hohen Offizieren der königlichen-rumänischen Armee und des Auslandes dieselbe besucht haben“ (Zitat aus Festschrift 1936).

Nicht unerwähnt möchte ich lassen die soziale Komponente des Vereins. Es war gelungen
die Mitglieder auch gesellschaftlich zu sammeln, in Vereinsabenden, die in den ersten Jahr-
zehnten üblich waren. Nach dem 2.Weltkrieg fanden solche Veranstaltungen zwar nicht
mehr statt, es gründeten sich aber Freundschaften über nationale Grenzen hinweg, die der
Gesellschaft in der Vielvölkerstadt Schäßburg gut taten.

Unterfertigter hat einen besonderen Bezug zu diesem Verein. Sein Großvater mütterlicherseits, Karl Habermann (damals Gastwirt, später Konditorei „Habermann“) war Gründungsmitglied, der Vater Hans Moyrer, war ab dem Zuzug nach Schäßburg (1925) und bis zu seinem Ableben(1989) dabei wie auch ich als einer seiner Söhne, 9-jährig bereits aktives Mitglied.

Dieter Moyrer, Schäßburg / München


 

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