HOG-Schäßburg / Siebenbürgen

 

Erlebnisbericht

Die Schäßburger Klosterkirche – ein Vermessungsprojekt für Dresdener Studenten

„Guten Morgen Schäßburg! Ich habe gesprochen – ich habe gesagt!“ Das sind die Worte, die seit einigen Jahren der Trommler auf der Burg den deutschsprachigen Touristen zuruft. Für uns hatte er eines Tages die Ergänzung: „Danke für Arbeit in Schäßburg!“ Wie es dazu kam, ist eine längere Geschichte.
Der Ursprung liegt vier Jahre zurück. Eine ehemalige Studentin unseres Fachbereiches (Vermessung/Kartographie an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Dresden) war ihrem Mann zu dessen Ausbildung nach Hermannstadt gefolgt. Der diplomierte Bauingenieur absolvierte dort einen Teil seines zusätzlichen Theologiestudiums. Sie arbeitete in der Bauabteilung des Landeskonsistoriums der Evangelischen Kirche A. B. in Rumänien. Dabei bekam sie viel mit von den Nöten dieser Bauabteilung, mit so wenigen Mitteln und für nur noch so wenige Gemeindeglieder ein so reiches Erbe an Gebäuden zu erhalten. Ihre Idee: Vermessungsarbeiten könnten ihre jetzigen Kommilitonen aus Dresden doch bei einer Exkursion erledigen. Und eine Mail mit diesem Anliegen hatte ich eines schönen Tages vor mir auf dem Bildschirm.


Mir schien das ganze Anliegen recht unrealistisch. Welcher deutsche Student sollte 14 Tage in das arme Rumänien fahren, 1000 km hinter dem Eisernen Vorhang, den es wohl immer noch in den Köpfen gibt? Wer sollte dafür Geld, Autos und Instrumente geben? Die zur Probe angesprochene Studentengruppe wollte fast vollständig mit, der Kanzler und jetzige Rektor der Hochschule gab seinen politischen Segen und half mit der Freigabe von Instrumenten und einem Transporter. Ein großes Freiberger Autohaus gab mir nach zwei kurzen Telefonaten den zweiten notwendigen Transporter. Ein jüngerer, im Umgang mit den Studenten sehr talentierter und fachlich versierter Mitarbeiter, Holger Kramer, stellte sich zur Betreuung zur Verfügung. Wenn eine Sache so anfängt, muss man einfach sehen, wie das Wunder weitergeht. Ganz einfach: das Geld blieb aus und keine deutsche Versicherung war bereit, auch nur einen Bruchteil des wirtschaftlichen Risikos zu übernehmen.


Das Evangelisch-Lutherische Landeskirchenamt Sachsens und das Gustav-Adolf-Werk in Sachsen haben mit ihrem Sponsoring die Exkursion dann möglich gemacht und nun schon das vierte Jahr Geld dazu gegeben. Mit dem Eigenbeitrag der Studenten von 100 € war so das Startkapital gegeben. Mittlerweile geben uns auch der Verband deutscher Vermessungsingenieure und seit diesem Jahr auch unsere Hochschule Geldmittel dazu.


In den letzten drei Jahren sind auf diese Weise die Kirchenburgen in Bodendorf, Stolzenburg und Marienburg bei Kronstadt aufgemessen worden. In diesem Jahr sind wir nun nach Schäßburg gefahren. Hier in Dresden sind dann in der Hochschule die jeweiligen Risse hergestellt worden. Jeweils ein oder zwei Mitreisende kamen aus dem Fachbereich Bauwesen/Architektur unserer Hochschule und haben einen Bauschadensbericht erstellt. So können wir doch stolz darauf sein, jedes Jahr einen erheblichen Wert eingebracht zu haben. In Deutschland wären dies schon einige zehntausend Euro.


Gelernt haben alle fachlich sehr viel. Im Studium arbeitet man eher an einzelnen, vielleicht sogar noch extra aufbereiteten Beispielen, hier musste ein ganzes zusammenhängendes Objekt mit all seinen Problemen bewältigt werden – und dies mit modernster Technologie. Und noch eins: Die Vermessungs- und Bauingenieure konnten sich einmal gegenseitig über die Schulter sehen und verstehen, was die andere Ingenieurdisziplin braucht und wie sie ihre Arbeit ausführt.
Dieses Jahr war in 14 Tagen im September die Klosterkirche in Schäßburg zu vermessen. So hatte uns das Landeskonsistorium in Herrmannstadt unser Ziel vorgegeben. Auf der Suche nach Fotos der Klosterkirche, um uns in Umfang und Art der Arbeit vorbereiten zu können, bin ich auf Walter Lingner gestoßen, der mir in geradezu rührender Art weitergeholfen hat. So konnte doch dem Bildermangel im Internet abgeholfen werden und eine erste Orientierung z.B. für die Instrumentenauswahl war möglich. Unsere eigene Bilddokumentation umfasst nun mehrere hundert Bilder. Unter dem von Walter Lingner vermittelten Material war auch die Aufnahme der Klosterkirche von Kurt Leonhardt aus dem Jahre 1956. Unseren Dank für die Überlassung der Daten wollen wir auch von dieser Stelle mit einem herzlichen Glückwunsch zu Kurt Leonhardts 95. Geburtstag verbinden.
In Schäßburg angekommen, wurden wir herzlich von Hans Bruno Fröhlich, dem Dechanten und Stadtpfarrer, begrüßt. Von ihm erfuhren wir Merkwürdiges: Es gibt eine ganz frische Vermessung der Klosterkirche von der Firma, die schon bei der Rekonstruktion der Bergkirche gearbeitet hat. Nun, für uns war es Ansporn, besser zu sein als Kurt Leonhardt und unsere rumänischen Kollegen. Dass gerade letztere hervorragend gearbeitet hatten, war schnell klar, nachdem wir die Pläne von Hans Bruno Fröhlich bekommen hatten. Ich will der Auswertung unserer Daten nicht vorgreifen, bin mir aber sicher, dass wir zum Beispiel eine in den anderen Unterlagen noch nicht sichtbare gefährdete Stelle im Dachstuhl über dem Chor ausfindig machen konnten, die in nächster Zeit gesichert werden sollte.
Über diesen Dachstuhl hatten wir schon gelesen, dass er mit Tonnen von Taubenkot belastet ist. So war es auch. Trotzdem habe ich in all dem Dreck einen sehr erhebenden Augenblick erlebt. Kurt Leonhardt hatte auf all seinen Rissen das Signet der damaligen Zimmerleute des Dachstuhls mit der Bemerkung angebracht: „auf der Stuhlsäule des Dachreiters“. Das wollte ich finden, aber die Stuhlsäule hat ein paar Meter zum Suchen. Ein Student hat alles abgesucht, so hoch er klettern konnte: nichts. Dann hatte ich selber Glück, im Dreck kniend hatte ich es plötzlich vor Augen, wo der Zimmermann wenige Jahre nach dem Dreißigjährigen Krieg seine Initialen in den Balken geschnitten hatte.
Erhebend waren auch noch andere Erlebnisse unserer Exkursion. So etwa, an der von Demirel Hermann gut gedeckten Tafel unserer Unterkunft, des umgebauten Pfarrhauses in Groß-Alisch, zu sitzen und hervorragenden Bohneneintopf zu essen. Oder bei einer kleinen Rundreise am eingeschlossenen Wochenende bei Sonnenschein durch die herrliche Landschaft von Schäßburg über die Karpaten und dann über Kronstadt zurückzufahren. Dabei kamen wir durch Marienburg bei Kronstadt und Bodendorf, wo wir ja schon gemessen hatten.
Erhebend auch die Herzlichkeit aller, mit denen wir in Schäßburg zu tun hatten: die vielsprachigen Frauen, die die Führungen in der Klosterkirche machten, uns über die wertvollen Teppiche unterrichteten und die „Wahrheit“ über Dracula erzählten; die Insassen und das Personal im Altenheim gegenüber der Klosterkirche, die 16 Poltergeister auf dem Klo ertrugen; Dechant Fröhlich, der mit Humor die scheinbare Doppelarbeit tragen konnte; Frau Pfarrerin Rudolf, die uns bei einem Rundgang ihre Stadt zeigte; Herr König, der es uns ermöglichte, sogar mit „ausländischen Fahrzeugen“ die Burg befahren zu dürfen, und schließlich auch der Trommler auf der Burg. Wir müssen ihm unabhängig von allen geldlichen Überlegungen antworten: „Danke, dass wir in Schäßburg arbeiten konnten!“

Johann-Hinrich Walter (Dresden, Oktober 2006)

 

 

 

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