HOG-Schäßburg / Siebenbürgen

 

Redensarten

Siebenbürgisch Sächsisch – Saksesch, as Mottersproch

Der Deutschlehrer und spätere Rektor der Schäßburger Bergschule Joseph Haltrich war auch ein bedeutender Volkskundler des siebenbürgischen Sprachraums und als solcher ein eifriger Sammler. Neben den bekannten und verbreiteten Volksmärchen veröffentlichte er (in „Zur Volkskunde der Siebenbürger Sachsen“, herausgegeben von Johann Wolff, Wien 1885) auf 535 Seiten ein reichhaltiges Material an Tiermärchen, Kinderspielen und Kinderreimen, Sprichwörtern, Redensarten, Rätseln und Inschriften. Und das sei nur „ein halbes Krüglein aus dem vollen Fasse“. In den klugen Erläuterungen zieht er baierische, fränkische, schlesische, niederdeutsche, ostfriesische und kölnische Wörterbücher und wissenschaftliche Literatur von Grimm, Lichtenberg, Frommann, Firmenich, Hönig, Weinhold u .a. zur Erklärung heran, macht dadurch dieses Material der abgelegenen Sprachinsel Siebenbürgen der deutschen Wissenschaft bekannt und erweist sich als wertvoller und geschätzter Mitarbeiter der mitteleuropäischen Kollegen und Schüler der Brüder Grimm.
Weil wir annehmen, dass das oben genannte Buch wenigen bekannt sein wird, das Lesen darin aber vielen Vergnügen bereiten würde, wollen wir ab und zu einige Teile daraus in den Schäßburger Nachrichten wiedergeben.
Heute sollen es „komische Redensarten“ sein (im o. g .Buch von den Seiten 140–142). Als Wegweiser und Beispiel, wie solche Redensarten entstehen, in der Erzählgemeinschaft weitergegeben und an der Redensart auf das gemeinsame Wissen angespielt oder die Fantasie des Hörers angeregt wird, die gemeinte Geschichte aus eigenem Erleben zu ergänzen, gibt Haltrich die Begebenheit des Kantors Abraham aus Zendersch wieder, auf die die Redensart „E äs froa derfun wä der Abraham vun Zendersch“ anspielt.
„Es war einmal in Zendersch ein Kantor, der hieß Abraham. Derselbe hatte nach Art der damaligen Kantoren ein Verhältnis mit einer Witwe, dessen Resultat ein Kind war. Unserem Abraham war die Sache unbequem und er beschloss, sich bei Nacht und Nebel fortzuschleichen. Nachts packte er seinen Schiffkasten auf den Wagen und fuhr froh davon. Beim Sonnenaufgang war er auf dem Berge, von dem man Zendersch zum letzten Male sieht. Froh, dass es ihm so gut gelungen war, stand er im Wagen auf, wandte sich mit dem Gesicht gen Zendersch und rief hocherfreut: ,Abraham äs froa vun Zendersch.’ In diesem Augenblick weinte hinten im Schragen ein kleines Kind. Die listige Witwe, welche die Absicht des Kantors längst durchschaut, hatte ihm das Kind im Geheimen beigepackt.“
E fällt drän, wä de Maldirfer änt Hemmelbrit.
E fällt drän, wä de Rumeser an den Ajersch.
E stächt en wä der Schaaser de Giß.
Se pespern wä de Schaaser iwwer de Båch .
Se pespern wä de Hålwelajener iwwer de Keakel.
E hot än der Ålescher Mill studiert (er lügt).
E hot än den Halwelajener Wedjen studiert (er lügt).
Se gon wä de Heangd ke Blosenderf.

Weit verrufen sind der Türke und Tatar.
Der Türk uch der Tatter
Woren zwin Gefatter.
Oder : Türk uch Tatter, Katz wie Mitz, tot atîta = ´t äs in Deiwel (Was der eine noch ließ, trug der andere weg).
Net datt ich der det Medwescher Wope weisen! (die flache Hand).
Dåt äs net ener fu Schink!
Di hot näckent de Spendierhuesen un!
Ennen Owend eße mer Paleokes, den andern en Schaaser Hienchen, den drätten giel Mächeltort, den virten Pita ku Zwirn, um Seangtoch gebrodä Kalefankenstin, net wor, mer liewen härresch?
Fritz, Fritz – der Remner Misch kit! (Peitsche).
Munchmol messe mer uch mät der Arkeder Lächtscheer schnetjzen (Mit der Arkeder Lichtschere das Licht schneuzen, d. i. mit den fünf Fingern).
Dernoden – gead Nocht, Scheßbrich!
Di äs af alle väre beschlon.
Di drit den Eissak af biden – nor af ener Set fol (Der ist ein ganzer, ein einseitiger Mensch).
E sekt wä en gestochä Giß (verlegen).
E sekt wä en Schliddenteißelt (starr vorwärts).
De Farr af de Klekner sazen (Eine bessere Speise auf eine schlechtere folgen lassen).
Gank, Roß oder te hast Farr (Bäschef) selle wärden!
De Nochtegol dä Felle frässt (= Wolf ).
Blesch Nochtegol (= Frosch).
Blesch Puppes (= Wiedehopf, rumänisch: pupaza).
Dier kit mer angder det Klarinet (Wird sterben, ich werde ihm zur Leiche blasen).
Em hot em de Heafeisen ofgenuen (Man hat ihm die Hufeisen abgenommen, man hat ihm vor dem Sterben das letzte Abendmahl gereicht).
E zecht mät Dillen (Brettern).
Der Däschler hot em de Rok gemacht (Er ist gestorben).
Ech wäll der äst hosten, fluren, molen!
En Flur, en Matsch, en Pels, en Heangdmatsch, en Katzebir, en Katzebirrestill! (Aus dem wird nichts!)
Af de Gorrefoastach! Wonn de Katz en Oache liegt (nie und nimmer).

Raritäten: E Furz mät droa Knädden, e Fälpes fol Sannelächt (ein Korb voll Sonnenlicht) uch en Sack vol Schaden (und ein Sack voll Schatten).

Der Kuckuck liegt und brädigt net,
Der Farr di prädigt und hält et net.

E Kängd – e Wängd, awwer wonn enem der Saddelhoast stäckt, dåt äs net Spaß! (Ein Kind – ein Wind, aber wenn einem das Sattelpferd draufgeht, das ist kein Spaß!)
En Kniecht nor aus Strih gedreht
äs mi wiert, wä en gäldä Med!

Läwe Fuosnicht kiste wider,
izt äm Johr bliw ich iwrig.
Sal ich den Burten noch lenger dro,
dat der Hiderdanner de Kniecht sul erschlo.
(S. Regen)

Glücklicher fühlte sich die sächsische Buhle, die beim Aufgehen des Morgensternes von ihrem Geliebten sich trennen musste und im Unmut rief:
„Ei het ich de Schlässel, dier den Dåch afschlesst,
ech schmiß en änt Wasser, wo et um defsten flesst!“
Wie wäre Goethe vor Freuden gesprungen, wenn er dieses gewusst hätte, als er seinen König von Thule dichtete! (Welche Interpretation der Goethe-Ballade bringt Haltrich auf diese Gedanken?)
Fällt dir auf, liebe Leserin, lieber Leser, dass sich in den 120 Jahren, seit dieser Text geschrieben wurde, manches geändert hat? Sind Ihnen Ihre Kinder auch „Wind“, bloß weil sich die Worte gut reimen lassen? Jugendbewegung, Summerhill und die Achtundsechziger mussten die Gesellschaft auf ihre Jugend hinweisen.
Sogar das Sächsische wird heute etwas anders gesprochen, wenn man die damalige Schreibweise richtig liest. (Z. B. geade Nocht!) (Unsere Schreibweise haben wir der Schriftsprache angeglichen, in der Hoffnung, dass man den Text leichter versteht.)
Oder hat sich doch nicht so viel verändert? Immer noch nimmt der Familienvater seine Arbeit wichtiger als die des Pfarrers, des Bischofs oder auch seiner Hausfrau, deren Hilfe, die Magd, selbst wenn sie golden wäre, nicht so hoch geschätzt wird wie ein Knecht, selbst wenn der nur aus Stroh ist. Auch heute gelten für Jungen bei der Bewerbung in der Bank schlechtere Durchschnittsnoten als bei Mädchen. Und die Emanzipation der Frau? Die ironischen Spitzen auf Nachbargemeinden deuten auf Humor, Witz und Spott hin.
Ist auch das Übrige mit einem Augenzwinkern nur halb ernst gemeint?

Hans Orendi, Mülheim

 

 

 

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