HOG-Schäßburg / Siebenbürgen

Vortrag von Prof. Dr. Eckart Schwerin

Herausforderungen und Chancen einer werteorientierten Schule im Transformationsprozess einer Gesellschaft

Der historische und aktuelle Kontext:
Bis 1948 waren alle deutschen Schulen, also auch die Bergschule, in derTrägerschaft der evangelischen Kirche. Danach hatte die Schule – wie es im Kommunismus üblich war – eine wechselvolle Geschichte.
Zurzeit findet der Unterricht in den Jahrgangsstufen 1 bis 8 in deutscher Sprache statt. In der Oberstufe, also Jahrgangsstufe 9 bis 12, gibt es zwei deutschsprachige und drei rumänischsprachige Parallelklassen.
Das Lehrpersonal besteht überwiegend aus ethnischen Rumänen, auch in den deutschsprachigen Klassen.
In den nächsten Monaten werden nun alle Schulgebäude der evangelischen Kirche zurückerstattet, was in der rumänischen Öffentlichkeit, aber auch im Lehrerkollegium zu großen Irritationen geführt hat.
Zudem ist von interessierte Seite das Gerücht gestreut worden, ich sei in Komplizenschaft mit dem Bergschulverein der Heimatortsgemeinschaft in Deutschland und der evangelischen Kirche unterwegs, um die Schule konspirativ in eine evangelische Privatschule umzuwandeln und die rumänische Abteilung zu liquidieren.
Dies entspricht selbstverständlich nicht den Tatsachen, zumal die sächsische ev. Kirche weder die Absicht noch die Kraft hat, eine kirchliche Privatschule zu betreiben. Das Misstrauen ist aber groß und es ist mir bisher nicht gelungen, alle Verdächtigungen zu zerstreuen. Ein eindeutiger Bezug auf die Rolle eines evangelischen Schulwesens im Transformationsprozess einer Gesellschaft, wie Sie als Thema vorgeschlagen haben, würde m. E. den, wenn auch unbegründeten, Befürchtungen nur weitere Nahrung liefern.
Vielleicht könnte man vor allem Bezug nehmen auf die zwingende Notwendigkeit ethisch-moralischer Erziehung gerade in einem Transformationsprozess, in dem nahezu alle ethischen Bindungen verloren zu gehen drohen. Sittliche Festigung der Schüler als Postulat, insbesondere in einer Internatsschule, leuchtet sicher jedem ein, wobei die Variante einer evangelischen Schule auch als illustrierendes Beispiel herbeigezogen werden könnte.

1. Bildung ist das Gold der Zukunft – die Zukunft muss in der Schule gegenwärtig sein.
Sie haben mich zu Ihrem Symposion mit dem Thema “Die deutschsprachigen Schulen in Rumänien am Beispiel des Joseph-Haltrich-Lyzeums / Probleme und Chancen” eingeladen. Dafür danke ich ausdrücklich. Als ich nach meiner Teilnahme an dem Symposion und einem Beitrag zum Thema gefragt wurde, habe ich sofort zugesagt. „Schule“ ist seit dem Beginn meines Ruhestandes zu meinem besonderen Thema geworden. Das hat sich seit den politischen und gesellschaftlichen Veränderungen 1989/1990 sukzessive entwickelt. Ich war an vielen Prozessen der Entwicklung und des Aufbaus eines neuen Bildungs- und Schulwesens in Ostdeutschland beteiligt, speziell in dem Landesteil, in dem ich lebe, Mecklenburg-Vorpommern.
Als leitendem Mitarbeiter unserer lutherischen Landeskirche lag uns und lag mir zuerst nicht daran, nachdrücklich auf die Einführung des Religionsunterrichtes in den staatlichen Schulen zu dringen, wie er in der alten Bundesrepublik seit Jahrzehnten etabliert ist. Unser und mein Interesse war auch nicht die Reaktivierung evangelischer Schulen, die während des Naziregimes oder auch in der DDR geschlossen und konfisziert wurden, auch nicht an der Neugründung evangelischer Schulen.
Uns bewegte vor allem die Frage: Was ist Bildung und was ist Erziehung und welche Aufgabe kommt in diesem Zusammenhang der Schule zu.
Aus dieser Frage ergeben sich viele weitere Fragen und sie alle brauchen Antworten. Beides, die Fragen und die Antworten, haben mit der Vergangenheit zu tun, mit der Geschichte bis zu dieser Situation, in der sie gestellt werden.
Was war da los? Was ist da geschehen? Was haben Bildung und Erziehung angerichtet? Was haben sie bewirkt und was haben sie hinterlassen? Was muss anders werden und weshalb?
Worum geht es eigentlich?
Dieses Fragengeflecht und die gewonnenen Antworten sind ein elementarer, ein grundlegender Bestandteil des Verständnisses von Bildung und Erziehung und der dazu gehörenden Praxis. Bildung und Erziehung sollen vor allem die Heranwachsenden, die Kinder und Jugendlichen, auf ihrem Weg in ein selbstverantwortetes Leben unterstützen. Sie sollen sie dafür ausstatten. Sie sollen ihnen zu Kompetenzen, Fähigkeiten und Fertigkeiten, vor allem auch zu Einstellungen und Haltungen helfen, damit sie den auf sie zukommenden Herausforderungen und Aufgaben gewachsen sind, sich ihrer annehmen und sich in ihnen verantwortlich verhalten.
Das ist eine gewaltige, eine von vielen zu schulternde Aufgabe. Sie obliegt nicht nur den Eltern und Familien. Sie ist eine Aufgabe, zu der die ganze Gesellschaft verpflichtet ist. Wie sie wahrgenommen wird, entscheidet über die Zukunft der Gesellschaft. Bildung ist der wichtigste Motor für die Entwicklung der Gesellschaft. Sie ist – so kann gesagt werden – das Gold der Zukunft. Sie verträgt keine Vernachlässigung.
Schule ist eine wesentliche Bildungsstruktur der Gesellschaft.
Wir reden in diesen Tagen über Schule. Wir wollen eine „gute“ Schule. Darauf haben die Kinder und Jugendlichen einen Anspruch. Die Schule, die ihnen zur Verfügung steht, entscheidet über ihre Zukunft und über die Zukunft der Gesellschaft.

2. Schulzeit ist Lebenszeit.
Das Joseph-Haltrich-Lyzeum hat als ein Ort der Bildung eine lange und wechselvolle Geschichte. Noch nicht verheilte Brüche sind verbunden mit der sozialistischen und kommunistischen Zeit, auch wenn diese nur ein relativ kurzer Abschnitt in den bisherigen mehr als fünfhundert Jahren war. Aber er war eine nachhaltig prägende Epoche. Ich vergleiche dieses mit unseren Erfahrungen in der ehemaligen DDR, dem heutigen ostdeutschen Teil der Bundesrepublik Deutschland. In unseren Schulen ist die Vergangenheit der DDR nach wie vor wirkungsvoll gegenwärtig, und zwar in Personen.
Rumänien befindet sich – wie Ostdeutschland und damit die ganze Bundesrepublik – in einem Transformationsprozess, in einer Situation des Übergangs in eine andere, eine neue Gesellschaft, die sich von der bisherigen gravierend unterscheidet.
Wie dieser Prozess verläuft, woran bei ihm gelegen ist und worauf er zielt, das spiegelt sich am besten in dem wider, was mit der Schule und was in ihr geschieht.
Schule hat es immer und zuerst mit Menschen zu tun.
Was kennzeichnet die Lehrerinnen und Lehrer?
Aus welcher sie prägenden Vergangenheit kommen sie und inwieweit haben sie sich mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinandergesetzt?
Was beseelt sie, mit Kindern und Jugendlichen zu kommunizieren?
Sie sind ja deren Lebensbegleiter und Lernpartner?
Wo standen sie in der Vergangenheit und wo stehen sie heute?
Wem begegnen in ihnen die Heranwachsenden?
Sie berühren doch ihre Biografie und: Schulzeit ist Lebenszeit?
Und wie sind die Kinder und Jugendlichen von ihren Eltern geprägt?
Die sind in der Zeit des Sozialismus und Kommunismus aufgewachsen und zur Schule gegangen sind, also auch in ihrer Biografie berührt worden?
Wie sehen und bewerten sie das hinter ihnen Liegende und welche Hoffnungen, welche Vorstellungen und Träume verbinden sie mit der Zukunft und dem Weg zu ihr und in sie hinein?
Was erwarten sie für eine Schule für ihre Kinder, was erwarten sie von der Schule?

Die Geschichte dieser Schule wurzelt im christlichen Glauben. Sie hat durch Jahrhunderte viele Menschen, viele Generationen geprägt.
Sie ist so wunderschön wieder hergerichtet, geradezu mit idealen Voraussetzungen für eine “gute” Schule, für einen Lebens- und Lernort, über den noch einmal gründlich nachzudenken ist, weil hier über Biografien, über Lebensgeschichten, über Lebensläufe mit entschieden wird.
Was qualifiziert diesen Lebens- und Lernort?
Was unterscheidet ihn von anderen Schulen?
Woran ist denen gelegen, die den Schulalltag gestalten?
Was erwarten die Eltern von der Schule?
Was prägt die Schulgemeinschaft?
Was hält sie im Innersten zusammen, welches ist ihre „Seele“?
Diese Fragen sind m. E. die letztlich relevanten und zu diskutierenden.

3. Bildung schließt die Begegnung mit Werten ein und das macht sie „wert“voll.
Kinder und Jugendliche sind für ihre Entwicklung auf Klarheit und Verlässlichkeit angewiesen. Das lässt sich möglicherweise für den naturwissenschaftlichen Fachunterricht am ehesten beschreiben: Das kleine Einmaleins ist das kleine Einmaleins. Es ist eindeutig und so muss es auch gelehrt und gelernt werden.
In den geisteswissenschaftlichen Fächern wird es schon schwieriger. Sie haben es mit Texten zu tun, mit Personen, ihren Ansichten und Einsichten und mit Überlegungen, Aussagen, Thesen und Behauptungen. Dahinter verbirgt sich nicht nur Wissen, sondern es verbergen sich auch Grundhaltungen, prinzipielle Anschauungen und Überzeugungen. Mit denen sind Wertungen, Werte verbunden.
Wie auch immer: Bildung ist primär ein Kommunikationsprozess. Das Wesentliche ereignet sich zwischen Personen. Jede Lehrerin, jeder Lehrer präsentiert eine Werte-Haltung, bewusst oder auch unbewusst.
Und: Wertevermittlung ist immer personengebunden.
Wie prägend Eltern sind, wissen wir.
Dasselbe gilt aber auch für alle familienexternen Personen, besonders für die pädagogischen Fachkräfte in Bildungseinrichtungen.
Bildung ist nicht nur Wissen und Qualifikation, sondern auch Orientierung und Urteilskraft. Bildung gibt einen inneren Kompass. Sie befähigt, zwischen wichtig und unwichtig, zwischen gut und böse zu unterscheiden.
Bildung schließt die Begegnung mit Werten ein und das macht sie „wert“voll. Sie präsentiert Maßstäbe.
Zu sozialistischen und kommunistischen Zeiten entschied eine Staatsideologie über die zu lehrende und zu adoptierende Lebens- und Weltanschauung. Diese ließ keine abwägende, keine kritische Auseinandersetzung zu. Sie war ein in sich klares und schlüssiges System.
Aber das Leben spielt anders. Es ist kein geschlossenes System, sondern es ist dauernd in Bewegung, konfrontiert kontinuierlich mit neuen Situationen, fordert ständig zu neuen Entscheidungen heraus. Leben ist ein dynamischer Prozess, der eine hohe Flexibilität erfordert.
Welcher Art muss die Ausstattung dafür sein und entsprechend die Bemühung in Bildungs- und Erziehungsprozessen?
Unstrittig ist die lebens-wichtige Bedeutung von Werten. Unstrittig ist doch auch, dass die Schule an Werten orientiert sein muss und zur Werteorientierung beiträgt.
Möglicherweise hat sie sogar eine vorrangige Bedeutung.
Aber wovon reden wir, von welcher Orientierung an welchen Werten?
Was wollen wir denn?
Was erwarten wir selber von anderen, natürlich auch von uns, und was können andere von uns erwarten?

4. Die Wertefrage berührt alle Aspekte des Lebens und der Welt
Wertebezogenheit und Werteorientierung sind nicht von beliebiger oder zufälliger Art und Bedeutung. Sie sollen vielmehr helfen, eine Vorstellung von dem Maßgebenden und dem Maßgeblichen als Grundlage für die eigene Urteilsfähigkeit und das eigene Verhalten zu gewinnen.
Wir erleben und erleiden in unserer Gesellschaft einen Werteverlust, oft sogar einen Werteverrat. Wir bemerken und wir erleben ihn in unserem Alltag. Möglicherweise sind wir sogar an ihm beteiligt. Dennoch: Bildung und Erziehung können auf Werteorientierung nicht verzichten, weil sie für das eigene und für das Zusammenleben in der Gesellschaft lebens-notwendig ist. Das kann erweitert werden über die Gesellschaft hinaus auf das Zusammenleben in dem sich entwickelnden Europa und in der immer kleiner werdenden und immer mehr gefährdeten Welt.
Die Wertefrage berührt alle Aspekte des Lebens und der Welt.
Die Frage nach dem Wert des Lebens,
die Frage nach dem, was Sinn macht,
die Frage nach dem Anderen, nach dem Miteinander, nach dem, was gerecht ist, was sozial ist, was Frieden und seine Erhaltung betrifft, nach dem Erhalt der Natur und der Sicherung des Lebens ... berührt die Frage nach dem Maßgeblichen und dem Maßgebenden.
Diese Frage kann in den nachkommunistischen Gesellschaften nur zurückhaltend, gelegentlich auch gar nicht erörtert werden. Sie scheitert an den nach wie vor präsenten ideologischen Prägungen in der Vergangenheit, die sich in Vorurteilen, oft auch in rigoroser Ablehnung manifestiert haben.
Aber wie uns einerseits die jüngste Vergangenheit prägt, so auch die davor liegende Zeit, die Geschichte in ihren verschiedenen Ausfächerungen und mit ihren Verwurzelungen. Sie bestimmt bis auf diesen Tag vielfach unbewusst unsere Kultur, damit unser Denken, unsere Sprache und unser Verhalten.

In Ostdeutschland haben die Kirchen den Verlauf der Wende 1989/1990 wesentlich mitbestimmt. Sie gaben denen, die die politischen Verhältnisse verändern wollten, Raum und beteiligten sich an den darauf bezogenen Auseinandersetzungen. Sie halfen zu einer „friedlichen“ Revolution und gewannen dadurch in der Gesellschaft eine neue Akzeptanz.
Sie haben für die zu entwickelnde, für eine demokratische Schule eine kontinuierliche Werteorientierung eingefordert und waren an der Entwicklung des Religionsunterrichts beteiligt. Über 90 % der Schülerinnen und Schüler sind konfessionslos. Fast die Hälfte nimmt am Religionsunterricht in den Schulen teil. Das erfordert einen dieses berücksichtigenden Religionsunterricht. Neben ihm entwickeln sich unterschiedliche, die Wertefrage thematisierende Kooperationen kirchlicher Einrichtungen mit staatlichen Schulen.
Viele Eltern ergreifen die Initiative und bereiten die Gründung einer privaten Schule vor. Sie erarbeiten ein Schulkonzept, sichern die Rahmenbedingungen und legen besonderen Wert auf die Werteorientierung. Auch wenn sie nicht Mitglied einer Kirche sind, halten sie die Orientierung an den christlichen Werten für wichtig.
Sie wird konkret darin, dass
der einzelne Schüler/die einzelne Schüler in seiner/ihrer Einmaligkeit gesehen, gefördert und gefordert wird;
nicht nur Wissen vermittelt wird, sondern die Schülerinnen befähigt werden, selbstständig zu lernen und so die Lehrerinnen Lernbegleiter sind (partizipatorische Pädagogik);
Schülerinnen mit Behinderungen integriert werden;
das Miteinander in der Schule von dem Bemühen um Fairness, gegenseitiger Akzeptanz, Solidarität und Versöhnung geprägt ist.
Diese im Evangelium von der Liebe Gottes zu seinen Menschen begründete Werteorientierung wird so zu einer konkreten Alltagserfahrung und reduziert sich nicht auf ein ein- oder zweistündiges Schulfach Religion.
Es könnte ja sein, dass bei der Frage nach dem weiteren Weg dieser Schule, nach ihrer Zukunft diese Überlegungen und Erfahrungen in einer anderen transformierenden Gesellschaft ein unterstützender Impuls sind.



 

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