Siebenbürgen in Europa
Lasst uns historische Brücken erneuern!
Ab dem 1. Januar 2007 wird Schäßburg zur Europäischen
Union gehören. Und mit der Stadt auch Siebenbürgen. Nichts natürlicher
als das mag man sich denken. Schließlich ist dieser Landstrich im
Karpatenbogen vor ziemlich genau 1000 Jahren, in den ersten Jahren und
Jahrzehnten nach jener Jahrtausendwende, in das damalige katholische Europa
einbezogen worden. Die Oberen des jungen Königreichs Ungarn hatten
sich bewusst für die westliche Kirche entschieden, auch wenn die
Beziehungen zum Osten nicht gekappt wurden. Es waren in der Folge auch
katholische Orden, die ein Netz an Klöstern über Siebenbürgen
legten, das Königreich wurde nach deutschen Vorbildern verwaltet,
und es kamen zahlreiche Fachkräfte aus dem Süden und Westen
des Kontinents, Militärs, Bergleute, Geistliche, Kaufleute. Und schließlich
größere Gruppen an Bauern und Handwerkern. An der Entwicklung
der Militärtechnik, der Architektur, der Kunst, der Rechtsetzung
und der Rechtspraxis ließ sich klar erkennen, wohin dieser Teil
des Kontinents gehörte: Es war ein Teil Mitteleuropas, und zwar dessen
südöstlicher Rand zu instabilen Nachbarherrschaften hin. Im
Besonderen waren die deutschen Städte Siebenbürgens stets Richtung
Westen hin orientiert, voran das Haupt der Sächsischen Nation Hermannstadt,
doch rangmäßig innerhalb der Sieben Stühle gleich gefolgt
von Schäßburg. Es war nicht allein der Handel, der sie mit
Mittel-, West- und Südeuropa verband, der niemals abbrechende Zuzug
aus diesen Gegenden genauso wie eine – nicht immer einfach nachvollziehbare
– Verbundenheit mit den deutschen Ländern kamen als bestimmende
Elemente hinzu. Es stand ganz außer Frage: Siebenbürgen war
ein bekannter Teil jenes Europa, aus dem sich im 20. Jahrhundert die Europäische
Union langsam auszubreiten begann.
Es gab eine Epoche, in der sich Siebenbürgen zwangsweise von Europa
etwas entfernte und dem sein Zentrum in Konstantinopel findenden Südosten
annäherte, es war die Türkenzeit mit ihrer Kulmination im fortschreitenden
17. Jahrhundert. Die geistigen Eliten und zumal die sächsischen Städte
aber behielten ihre Orientierung uneingeschränkt nach Westen bei.
So konnten die neuen Landesherren, die die Osmanen endgültig aus
dem Karpatenbogen verdrängten, die österreichischen Habsburger,
auch vertrauensvoll auf diese Städte setzen, obwohl sie bedingungslos
lutherisch blieben. So drückend die bis 1918 andauernde Präsenz
der auf den Kaiser in Wien vereidigten Truppen hier auch gewesen sein
mag, so nachhaltig wirkten diese doch europäisierend auf das Land.
Auch wenn Siebenbürgen Peripherie des Habsburgerreiches war, so hatte
es doch so einen gut gefügten kulturellen und wirtschaftlichen Stand,
dass von hier nachhaltige Ausstrahlung auch nach jenseits der Karpaten
ausgehen konnte. Schon im 16. Jahrhundert nahm dies seinen Anfang etwa
mit den ersten Drucken in rumänischer Sprache, die aus sächsischen
Druckereien kamen. Oder mit den Baumeistern der alten orthodoxen Kirchen
und Klöster, die teils die sächsischen Städte stellten.
Später waren es vor allem wirtschaftliche Beziehungen, die diese
Verbindung kennzeichneten. Doch auch so interessante Details gehören
hierher wie der Komponist sächsischer Herkunft, der die entscheidenden
nationalrumänischen Melodien des 19. Jahrhunderts schrieb, etwa die
Hora Unirii oder die heutige rumänische Nationalhymne. Sicher hatte
diese Ausstrahlung auch Grenzen, denn alle Sprachgruppen lebten gesondert
für sich, nebeneinander und nicht miteinander. Doch Zugang zu einer
guten mitteleuropäischen Bildung boten etwa die sächsischen
Schulen, die jedermann offen standen und im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert
zeitweise einen hohen Anteil rumänischer und jüdischer Schüler
hatten. Aus Schäßburg wären als prominente Beispiele die
Bergschüler Zaharia Boiu oder Emil Racovita zu nennen.
Mehr noch aber wirkte die über die griechisch-katholische Kirche
erfolgende Ausbildung großer Teile der rumänischen Intellektuellen
an katholischen Universitäten im europäischen Sinne auf diese
Sprachgruppe beiderseits der Gebirge. Dass diese Verbindung 1948 durch
das Kirchenverbot diktatorisch abgeschnitten wurde und nach 1990 nur allmählich
wieder aufgebaut werden kann, war einer der schwersten Schläge gegen
eine europäische Ausrichtung des Landes. Auch der weitgehende Verlust
zweier Gruppen, die für eine weiträumige europäische Vernetzung
standen und stehen, der Deutschen und der Juden, gereicht dem heutigen
Rumänien zum Nachteil. Die Brücken sind aber zum Glück
nicht ganz abgebrochen, die Deutschen Siebenbürgens und die ausgewanderten
Sachsen stellen so ein Brückenkonstrukt dar, das schon in vielen
Fällen in Siebenbürgen sehr befruchtend gewirkt hat. Ob nun
durch wirtschaftliche Unternehmungen, durch beispielhafte Restaurierungen,
durch Schüleraustausch oder Politikerinformation, durch materielle
Hilfen oder Tourismusanregung: Entscheidend ist, diese Brücken zu
pflegen, Maßstäbe zu vermitteln und die beiderseitigen Gemeinsamkeiten
zu fördern, ohne die auch historisch stets vorhandenen siebenbürgischen
oder südöstlichen Besonderheiten in Frage zu stellen. Denn Siebenbürgen
wird ganz zu recht Mitglied der Europäischen Union sein. Und diese
historische Region wird auch dem eigenen Staat wichtige Dienste bei der
Einfügung in diese Union erweisen. Als Brückenpfleger kommt
dabei auch uns eine kleine Aufgabe zu. Angesichts der enormen und faszinierenden
Geschichte, die wir geerbt haben, ist das eine geringe und sicher gerne
wahrgenommene Verpflichtung. Der erstmals seit Menschengedenken grenzenfreie
Weg zwischen Schäßburg und Mitteleuropa macht uns diese Aufgabe
leicht. Hier wie dort können wir erstmals unter dem gleichen Zeichen,
unter dem europäischen Sternenbanner zu Hause sein.
Dr. Harald Roth, Berlin / Gundelsheim

Letztes Update:
2007-03-04
- Adresse dieser Seite: http://www.hog-schaessburg.de
/ http://www.schaessburg-net.de
© 2000 by kdg
|