HOG-Schäßburg / Siebenbürgen

Vor 30 Jahren

„Sed er veraft?“ oder
Der etwas andere Urlaub

Wir schreiben das Jahr 1976. Es ist Frühjahr und wir befinden uns in Schäßburg, in der Blockwohnung der Familie Mergler. Es sind dieses Horst (39 Jahre), Doris (36) und die vier Kinder: Udo (11), Ingo (9), Kuno (7) und Eiko (5). Die sechs Personen besprechen eine, für viele, „unvorstellbare“ Urlaubsreise. Eine Reise, die mit den Fahrrädern ans Schwarze Meer gemacht werden soll. Als das Vorhaben der Merglers bekannt wird, heißt es da und dort: „Sed er veraft?“ Die Antwort: „Cha, mer sen et!“ Und das vor 30 Jahren, also – na ja! – machen wir doch ein Jubiläum daraus.
In den Wochen bis zum 3. Juli 1976 wird alles zurechtgelegt, was man für so eine Fahrradtour braucht und vor allem auch auf die Räder „drauf passt“. Das sind u. a. zwei Dreimannzelte, 6 Schlafsäcke, Spirituskocher, Proviant, Kleidung und Medikamente. Eben alles, was man fürs „Wohnen“ unter dem Zeltdach, in der freien Natur benötigt.


Dann endlich kann das „Große Abenteuer“ beginnen. Die Fahrräder werden beladen, alle, ohne Ausnahme, denn jeder muß „seinen Teil“ tragen. Der „etwas andere Urlaub“ wird gestartet. Auf den „Biziklern“ geht es los, um 12 Uhr, von Schäßburg in Richtung Schwarzes Meer, um einmal auf eine andere Art die Heimat kennen zu lernen. Voran fährt Doris mit Eiko auf dem Kindersitz, dann Kuno, Ingo, Udo und Horst macht das Schlusslicht. Während der Fahrt war die Meinung der Menschen, die man auf Rastplätzen oder an der Straße begegnete, ganz unterschiedlich. Einige applaudierten und beglückwünschten die mutigen Radfahrer, während andere den Vogel zeigten. Das alles ließ unsere Erlebnishungrigen unbeirrt, denn das Vorhaben wollte nun einmal in die Tat umgesetzt werden.


Am ersten Tag schafft die Gruppe 39 Kilometer. Im „Geisterwald“ fangen die technischen Probleme an. Udos Rad macht nicht mit, drei Reifenpannen und keine Möglichkeit sie zu beheben. Horst fährt nach Kronstadt, per Autostopp, zum Vetter Knopp, um ein Vorderrad zu besorgen. Das ist zwar kleiner als das Hinterrad, macht aber bis zum Schluss mit. Hier im Geisterwald wird auch übernachtet.
In der folgenden Nacht stehen die Zelte auf dem Sportplatz in Brenndorf, wo ein schweres Gewitter mit Blitz und Donner die etwas besorgte Familie heimsucht. In Kronstadt ist ein Besuch der „Zinne“ wie selbstverständlich“ eingeplant. Weiter geht es über den Buzau-Pass und die Întorsura Buzaului in Richtung Buzau. Und da folgt das nächste Malheur. An Ingos Drahtesel bricht der Fahrradrahmen. Doch der Junge hat Glück, auf einer Baustelle wird der gebrochene Rahmen geschweißt. Nach Buzau folgt eine Wegstrecke, wo „viel Platz für eine schöne Gegend ist“, soll heißen, es sehr flach ist und weniger zu sehen gibt. Vielleicht auch deswegen wird hier von der Gruppe der Streckenrekord von 89 km (!) aufgestellt. Dabei muss an dieser Stelle gesagt werden, dass die Kinder niemals angetrieben oder unter Druck gesetzt worden sind. Es hätte sonst deren Motivation und die Freude an der Tour ganz schnell dahin sein können.


Alle Fotos: Radtour 1976
Fotos Horst Mergler


In Hîrsova wird ein Milizmann (Polizist) nach einem Zeltplatz gefragt. Es wird den Radlern gesagt, dass er ganz in der Nähe sei. Nach einer halben Stunde Fahrt ist er jedoch noch nicht in Sicht. So beschließt die Familie, die Zelte einfach da, wo sie gerade stehen, aufzuschlagen. In Siebenbürgen gab es nie Probleme bei der Suche nach einem geeigneten Zeltplatz. Eine Lichtung am Waldesrand oder einem Bachufer gab es immer und überall. Hier unten im Flachland ging das aber nicht, weil Felder und Äcker bis nahe an die Straße herankommen. So werden die Zelte unmittelbar neben die Straße aufgestellt.
Nun ist es sehr warm und Kuno klagte über Atemnot. Die Atemluft ist wärmer wie der Körper und er bekommt Hitzefiber mit allem Drum und Dran. Wenn nun die Straße bergauf verläuft, schiebt Eiko Kunos Fahrrad, während der Siebenjährige bei Mama im Kindersitz Platz nimmt. Die Berge hinab fährt er dann wieder selbst. Doch gestaltet sich das Vorankommen als sehr mühsam, so dass die Erwachsenen beschließen eine Mitfahrgelegenheit zu suchen. Diese wird dann auch in der Gestalt eines LKWs gefunden. Auf einer Wegstrecke von 40 Kilometern müssen die Pedale nicht mehr getreten werden.

Der Campingplatz in Mamaia ist schnell gefunden. Hier verweilt die Familie einige Tage, bis Kuno sich erholt hat und weitergefahren werden kann. Der Weg führt über Navodari und Cap Midia, vorbei an der Burgruine Histria nach Jurilovca. Hier müssen die Zelte im Hafen aufgeschlagen werden, weil die Fähre nach Gura Portita nur erst am nächsten Tag fährt. Die Zelte stehen in einer Mulde, was sich als sehr fatal herausstellen sollte. Denn in der Nacht regnet es in Strömen und das Wasser dringt in die Zelte ein. Trainingsanzüge und Schlafsäcke werden triefend nass. Am Morgen, nach der schlimmen Nacht geht es in einem großen, an einen Schlepper angehängten Boot, samt Fahrrädern, über den Razelmsee nach Gura Portita. Es ist eine wunderschöne Fahrt. Auf einer Seite des Sees befindet sich der Campingplatz, getrennt vom Schwarzen Meer durch eine ca. 50 Meter breite Landzunge. Das Tollste hier ist das auf Stelzen aufgestellte Plumsklo über dem Wasserspiegel. Allerdings musste man da recht schnell zu Werke gehen, wollte man nicht von Gelsen an den empfindlichsten Körperteilen „zur Ader gelassen werden“. Im gleichen See wurde auch das Mittagessen geangelt, allerdings „30 Meter weiter links“.
Nach einer erlebnisreichen Woche wird die Rückreise angetreten. Von Tulcea, dem ersten Ziel, wird per Schiff nach Galati an der Donau gefahren. Hier wird bei einem Bekannten übernachtet, was in diesem Falle eine willkommene Abwechslung ist. Durch den südlichen Teil der Moldau geht es weiter, über Tecuci, Marasesti und Adjud, nach Gheorghe Gheorghiu-Dej. Während der ganzen Wegstrecke wird die Familie von Kälte und andauerndem Regen begleitet. Zu viel für Eiko, sie wird krank. Da es der Radlergruppe fast unmöglich ist, bei so einem Wetter die Zelte aufzustellen, wird eine Übernachtungsmöglichkeit gesucht, die schließlich auf einem Bauernhof in Stefan cel Mare gefunden wird. Hier „dürfen“ die 6 Wagemutigen auf dem Fußboden schlafen, der „Gott sei Dank aus Nadelholz ist“.
Es folgt eine der steilsten Wegstrecken von der ganzen Reise, der Ghimes-Palaca-Pass über die Ostkarpaten. Hier müssen über viele Kilometer und unter größter Anstrengung, die Fahrräder „hochgeschoben“ werden. Das beladene Fahrrad von Horst wiegt ohne ihn 115 kg. Dafür geht es auf der anderen Seite des Passes viele Dutzende von Kilometern bergab und die Gruppe kann sich von dem vorausgegangenen Stress erholen. Dann endlich kommt Miercurea Ciuc und damit auch Hellatante und – eine selbst gekochte, heiße Suppe und keine (!) Ciorba mehr.
In Miercurea Ciuc verweilt die Familie noch einige Tage, um dann für die letzten 100 Kilometer bis nach Hause noch zwei Tage zu benötigen. Nach 35 Tagen und etwa 1.000 Kilometer Bizikelfahren findet „Das Große Abenteuer“ sein glückliches Ende.
Die Reiseroute zum Nachvollziehen auf der Karte: Schäßburg – Reps – Kronstadt – Întorsura Buzaului – Buzau – Slobozia – Hîrsova – Konstanza – Mamaia – Jurilovca – Tulcea – Galati – Tecuci – Marasesti – Adjud – Gh. Gheorghiu-Dej – Tg. Ocna – Miercurea Ciuc – Vlahita – Odorheiu Secuiesc – Cristuru Secuiesc – Schäßburg.
Doris und Horst Mergler
(Helwig Schumann)

 

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Letztes Update: 2007-09-22 - Adresse dieser Seite: http://www.hog-schaessburg.de http://www.schaessburg-net.de © 2000 by kdg