Anno Domini 1907
Was die Schäßburger vor 100 Jahren in ihrem „Groß-Kokler
Boten“
und in ihrer „Schäßburger Zeitung“ (SZ) lasen

Bedrohtes Sachsentum. Auf der Wanderversammlung des Mediascher landwirtschaftlichen
Bezirksvereins in Birthälm wurde mit Bedauern die traurige Tatsache
festgestellt, dass in dieser früher so hoch stehenden Sachsengemeinde
unsere Volks- und Glaubensgenossen immer mehr an Einfluss verlören,
weil sie in unbegreiflicher Verblendung sich ihres Besitzes entäußerten
und ihn Leuten fremden Volks und Glaubens überließen. Weiter
schreibt die Zeitung: „Es wurde der Wunsch geäußert,
sächsische Bauern aus der Umgebung Birthälms, besonders aus
den volkreichen Landgemeinden zwischen den beiden Kokeln, möchten
nach Birthälm übersiedeln und helfen, den sächsischen Boden
in der Gemeinde, der ehedem Sitz des sächsischen Bischofs war, sächsisch
zu erhalten. Wollte Gott, dass solche Zeichen des Niedergangs vereinzelt
blieben!“ (SZ 13. Januar).

„Der Mann mit dem Straußenmagen. Bei dem Jahresbankett des
Royal Southern Hospital zu Liverpool wurde ein bemerkenswerter Fall erwähnt,
der in den Annalen des Krankenhauses einzig dasteht. Es war ein Mann eingeliefert
worden, der über Magenbeschwerden klagte. Nach der ganzen Sachlage
kamen die Ärzte zu der Überzeugung, dass sich irgendein Fremdkörper
in dem Magen befinden müsste. Man schritt zu einer Operation und
öffnete den Magen, dem man einige Pflaumenkerne entnahm. Viermal
noch wurde die Operation wiederholt und es fanden sich im Ganzen in dem
Magen des Patienten 228 Pflaumenkerne.“ (SZ 16. Januar)

„Giftmord an dem Gatten. Aus Temeswar wird gemeldet: Die Lugoscher
Gendarmerie hat auf eine vor kurzem erstattete anonyme Anzeige die Witwe
Helene Bijan in Kornyaréva unter dem Verdacht verhaftet, dass sie
ihren Mann Nikolaus Bijan, der im vergangenen Jahr plötzlich gestorben
ist, vergiftet habe. Nach den bisherigen Erhebungen wurde das Gift von
einem gewissen Kracsun Belcota gekauft und von Frau Bijan in den Branntwein
gemischt, den ihr Mann während der Erntearbeit trank. Als Frau Bijan
von den eingeleiteten Nachforschungen hörte, grub sie mithilfe ihres
Geliebten Johann Udrean, des Kracsun Belcota und des Stana Belcota, die
sich auch schon in Haft befinden, den Leichnam ihres Mannes aus und entfernte
daraus den Magen und die Gedärme. Die Staatsanwaltschaft hat die
Exhumierung des Leichnams angeordnet.“ (SZ 20. Januar)
„Die Ursache der Kälte. Die ,Petersburger Telegr.-Agentur’
ersuchte am 21. d. M. anlässlich des in ganz Russland beobachteten
starken Frostes den Direktor des hauptstädtischen Observatoriums,
die Ursache dieser Erscheinung aufzuklären. Die Telegrafenagentur
erhielt die Antwort, dass am 18. Januar auf dem Nordeismeer ein starker
Antizyklon aufgetreten sei, der in ganz Russland hochfrostige Witterung
hervorgerufen hat. Ähnliche Bedingungen waren zuletzt 1823 beobachtet
worden. Am 21. Januar überstieg das Barometer in Petersburg 798 mm,
eine Höhe, die seit 1836 nicht mehr beobachtet wurde. Die übrigen
Begleiterscheinungen bei derartigen Zyklonen treten als östliche
Stürme auf dem Schwarzen Meere und dem Asowschen Meere und als Schneestürme
auf den Südbahnen äußerst heftig auf.“

„Das Jahr 1907. Dieses Jahr ist ein so genanntes, Gemeines Jahr’
mit 365 Tagen, von denen genau 300 gewöhnliche Werktage und 65 Sonn-
und Feiertage sind. Die Meteorologen behaupten, dass das Jahr 1907 mehr
trocken, dann jedoch kalt sein wird. Der Mai werde anfänglich raue
und kalte Tage haben, jedoch späterhin ein Einsehen bekommen und
sich bessern. Im kommenden Sommer wie der Herbstzeit wissen die Meteorologen
nichts Freundliches mitzuteilen. Denn der erste Teil – so behaupten
sie – soll viel Regen und Frost, dagegen schon die zweite Hälfte
Oktober trockenes Wetter bringen, das bis zum Adventsanfang dauern dürfte.
Nach dem schönen Herbst soll der Winter zu Beginn des Dezembers geradezu
plötzlich hereinbrechen, die Kälte bis in den Februar dauern.
Das Jahr 1907 wird zwei Sonnen- und Mondfinsternisse bringen. Die erste
Sonnenfinsternis, die eine totale sein wird, findet am 14. Jänner,
die zweite, eine ringförmige, am 2. Juli statt. Die Mondfinsternisse,
beide partiell, werden am 29. Jänner und 25. Juli sich vollziehen.
Bloß die vom 25. Juli wird bei uns sichtbar sein. Der Fasching wird
diesmal bei uns sehr kurz sein und alles in allem bloß 37 Tage dauern.
Am h. Dreikönigstage (6. Januar) beginnt er und am 13. Februar, auf
den der Aschermittwoch fällt, ist es mit seiner Herrlichkeit zu Ende.“
(28. Januar)
„Einbruch in Krisd. Am Sonntag, dem 6. d. M., hatte in Krisd, wie
uns mitgeteilt wird, ein Zigeuner beim Marktvorstand eingebrochen und
sich mit Schinken, Fleisch und Wurst bepackt und sollte nun gerade verschwinden,
als in demselben Augenblick der Marktvorstand eintritt und den Zigeuner
mit den gestohlenen Esswaren ertappt. Der Dieb, ohne sich viel zu besinnen,
wirft sich sofort auf den Marktvorstand und zerkratzt ihm das Gesicht.
Der Angegriffene erwischt eine in der Nähe liegende eiserne Kohlenschaufel
und haut sie dem Zigeuner mit solcher Wucht auf den Kopf, dass er zusammenbrach
und kurz darauf starb. Hierauf versperrte der Bestohlene sein Haus und
machte sofort dem Marktamt die Anzeige und die örtliche Kommission
erstattete über den Vorfall dem I. Gerichtshof in Elisabethstadt
Bericht. Wie es heißt, hat die Gerichtskommission am 10. d. M. in
Keisd den Tatbestand aufgenommen und die Untersuchung eingeleitet.“
(28. Januar)
„Die Entdeckung eines Waldmenschen. Aus Szatmár-Németi
wird berichtet: Der Oberstadthauptmann J. Tantoczi entdeckte auf der Jagd
unweit von der Stadt eine unterirdische Höhle, wo er einen Waldmenschen
vorfand. Er ließ den Mann durch Gendarmen zum Stadthause führen,
wo es sich herausstellte, dass derselbe Johann Loboncz heißt, seit
27 Jahren im Walde lebte und sich von Pflanzen ernährt hat. Der Mann,
welcher einen grauenhaften Eindruck macht, kann kaum mehr sprechen. Die
Polizei ließ den Waldmenschen in das Spital befördern.“
(SZ 3. Februar)
„Unitarischer Abend. Die hiesige ev.-reformierte Kirchengemeinde
veranstaltete am 3. d. M. einen sehr unterhaltungsreichen Abend. Zugegen
war die Elite der ungarischen Bürgerschaft und auch aus der Umgebung
zahlreiche vornehme Persönlichkeiten. Aus dem Programm verdient besonders
hervorgehoben zu werden die gehaltvolle Rede des Klausenburger Unitarischen
Dechanten Dr. Georg Boros, die Vorträge des Herrn Alexander Katona
und die Gesangsnummern des Sängerchors der Székelykereßturer
Lehrerpräparandie. Den Schluss machte eine sehr gemütliche Tanzunterhaltung.“
(10. Februar)
„Jugendlicher Geigenkünstler. Der achtjährige Geigenkünstler
Paul Kauttmann veranstaltet auf seiner Durchreise Mittwoch, den 13., und
Donnerstag, den 14. d. M., abends 8 Uhr im Sternsaale je ein Konzert.
Der junge Künstler hat bereits vor 9 Monaten gespielt und besitzt
16 Orden. Die Bistritzer Zeitung rühmt ihm künstlerische Bildung,
bewundernswerte Technik, gefühlvollen Vortrag und Sicherheit im Spiel
nach. – Preise der Plätze: 1., 2. und 3. Reihe K 2, 4 bis 7.
Reihe K 1.60, die übrigen Reihen K 1, Galerie 60 h. zum Besuche seien
diese Konzerte empfohlen.“ (11. Februar)
„Liedertafel. Nächsten Sonnabend, den 23. Februar abends 8
Uhr, findet im Saale zum Hotel Stern eine Liedertafel des Männerchores
des Musikvereins mit nachfolgendem Programm bei gedeckten Tischen statt:
1. Frisch voran, Marsch für Orchester, gesetzt von H. v. Othegraven:
a) Zu deinen Füßen; b) Kommt ein Vogel geflogen; c) Gestern
beim Mondenschein. 3. Zwei Lieder für eine Baritonstimme. 4. Normannenzug
für Männerchor, Baritonsolo und Klavierbegleitung von M. Bruch.
5. Feenwalzer für Orchester von O. Strauß. 6. Zwei Männerchöre:
a) O Dirndle tief drunt im Tal, steirisches Volkslied, Satz von E. Kremser;
b) Am Wunderbäumlein von Th. Koschat. 7. Zwei Lieder für eine
Baritonstimme. 8. Zwei Männerchöre: a) Hochzeitsfreude von H.
Jüngst; b) Verlockung von H. Wagner. 9. Potpourri aus der Oper ,Der
Freischütz’ für Orchester von C. M. v. Weber. 10. Aus
guter alter Zeit, Männerchor mir Klavierbegleitung von E. Kremser.
Alles Nähere besagen die Anschlagzettel.“ (17. Februar)
„Verband der Schäßburger Arbeitgeber. Am 27. d. M. fand
im alten Gewerbevereinssaale eine sehr gut besuchte Versammlung hiesiger
selbstständiger Kaufleute, Gewerbetreibender und Fabrikanten zum
Zwecke der Gründung eines Verbands der Schäßburger Arbeitgeber
statt. Die Versammlung eröffnete und leitete der Herr Vorstand des
Bürger- und Gewerbevereins, Johann Baptist Teutsch, der sowohl selbst
als auch der Schriftführer, Herr Dr. W. Thellmann, den Erschienenen
in längerer Rede aufklärend auseinandersetzte, dass dieser Verband
zum Schutze der Arbeitgeber, gegen übermütige oder leichtsinnige
Arbeitseinstellungen sowie zur Erhaltung des Friedens zwischen Arbeitgebern
und Arbeitnehmern gegründet werden solle. Der Verband wurde nach
Vorlesung und Richtigstellung des Statutentextes einhellig beschlossen
und konstituiert und in zehn Sektionen eingeteilt, sodass mehrere womöglich
verwandte Geschäftszweige zu einer Sektion vereinigt seien. Es wäre
zu wünschen, wenn das hohe Ministerium diese Statuten recht bald
genehmigen würde. – Wir werden in einer unserer nächsten
Nummern Näheres hierüber berichten.“ (3. März)
„Heimwärts. Dem Budapester ,Hirlap’ kommt aus Oderburg
folgende höchst erfreuliche Nachricht zu: Auf dem dortigen österreichisch-preußischen
Grenzbahnhof fuhr dieser Tage von preußischer Seite ein Zug nach
dem andern ein, die alle vollbesetzt waren mit Ungarn, die diesmal nicht
in der Richtung nach Bremen und Hamburg zu reisten, sondern gerade im
Gegenteil von dort auf dem Wege nach Hause begriffen waren. 1800 Ungarn
kehrten von Amerika nach Hause zurück, nicht einzeln, sondern in
ganzen Massen in fünf Sonderzügen. Die Frage ist es nun, was
sie nach Hause gebracht hat, ob das Glück oder das Unglück,
das Heimweh oder die Enttäuschung über die Wunder der Neuen
Welt.“ (31. März)
„Deutsches Theater. Sonntag, den 12. d. M., wurde das fünfaktige
Schauspiel, Die Brüder von St. Bernard’ von A. Ohorn gegeben.
Dieses Stück, in dem das Klosterleben mit allen seinen Intrigen,
aller Scheinheiligkeit und allen seinen Lastern geschildert wird, gefiel
dem hiesigen Publikum vorzüglich. Der Katholizismus mit seinen verwerflichen,
überspannten Auswüchsen und dem jeden freien Fortschritt feindlichen
Gelöbnis- und Buchstabenglauben kommt darin schlecht weg. Doch lernen
wir hierbei auch vernünftige, freundlich gesinnte Charaktere kennen,
die von der Vertilgung und Tötung menschlicher Regungen sowie von
der Unterjochung des Geistes durch das Dogma nichts wissen wollen. Als
gute Beispiele hierzu können wir den alten Pater Fridolin (Herr Wilhelmi)
und Pater Meinrad (Herr Wörz) anführen. Was die Hauptrolle des
Paulus anbelangt, brachte Herr Biebach dieselbe mit bekanntem gutem Spiel
zur Geltung. Die Rolle der Grete müsste eher einer ernsteren Person,
als dies Frl. Eulitz ist, übergeben werden, da ihrem Temperamente
jeder Ernst fern liegt. Herr Mras spielte den Kriecher und Intriganten,
Pater Simon, sehr gut. Frau C. Richter war als orthodoxe Katholikin auch
entsprechend. Die Ausstattung des Stücks war besser, als es für
gewöhnlich der Fall ist.“ (28. April)
„Von Löwen zerfleischt. Aus Paris wird berichtet: Im Apollo-Theater
haben sich zwei Seiltänzerinnen auf einem im Löwenkäfig
gespannten Seile produziert, als plötzlich das Seil riss und die
Löwen auf eine der herabstürzenden Artistinnen lossprangen.
Das Publikum flüchtete entsetzt. Bis es gelungen war, die Löwen
mittels Eisenstangen von ihrem Opfer zu verjagen, war der Körper
der unglücklichen Frau schon total zerfleischt. Die andere Seiltänzerin
konnte sich noch rechtzeitig mit heiler Haut retten.“ (SZ 19. Mai)
„Großer Brand in Obereidisch. Die Gemeinde Obereidisch, die
durch häufige Schadenfeuer schon viel zu leiden hatte, ist am 9.
d. M. abermals von einem großen Unglück heimgesucht worden.
Gegen 5 Uhr nachmittags entstand aus bisher noch nicht bekannter Ursache
mitten in der Gemeinde Feuer, das sich, vom Winde begünstigt, rasch
verbreitete, sodass bald die beiden Häuserreihen einer ganzen Gasse
in Flammen standen. Da die Löscharbeiten äußerst erschwert
waren und auswärtige Hilfe naturgemäß erst später
eintreffen konnte, fielen dem verheerenden Elemente 28 Wohnhäuser
samt Wirtschaftsgebäuden zum Opfer. Versichert war nur ein kleiner
Teil der Besitzer und der Schaden ist daher ein großer. Eine Abteilung
der Feuerwehr von Sächsisch-Regen beteiligte sich ebenfalls an den
Löscharbeiten, die erst spät nachts beendet wurden.“ (19.
Mai)
„Eine Schäßburgerin auf der Haager Friedenskonferenz.
Auf der Haager Friedenskonferenz im Juni d. J. will sich der Bund Deutscher
Frauenvereine nach einem in der Vorstandskonferenz in Jena gefassten Beschlusse
durch seine Vorsitzende Frau Stritt vertreten lassen.“ (2. Juni)
„Turnerabend. Vorigen Sonntag abends veranstaltete der hiesige
Männerturnverein im Stadthaussaale ein Schauturnen, verbunden mit
Tanzunterhaltung. Die Durchführung jeder Programmnummer überraschte
und sprach Lob den strammen Turnern und Turnerinnen. Das Publikum zollte
ihnen dafür reichlich Beifall. Nur ein Umstand missfiel uns, dass
so viele aus unserem Publikum dem Schauturnen ferngeblieben. Recht animiert
verlief das nach Schluss des Programms folgende Tanzkränzchen, trotzdem
auch hieran die Beteiligung eine viel schwächere war als sonst. Schuld
an diesem spärlichen Besuch waren unbedingt der schöne, angenehme
Abend und verschiedene andere Unterhaltungen, welche an diesem Tage nachmittags
und abends abgehalten wurden.“ (23. Juni)
Ein echtes Gaunerstück hat – wie die ,Bistritzer Wochenschrift’
schreibt – ein Kellner im dortigen Gasthof am 18. d. M. aufgeführt.
Der Sajo-Magyaroscher gr.-kath. Pfarrer gab ihm, als er seine Speiserechnung
zahlen sollte, einen Tausendkronenschein zum Wechseln. Der Kellner nahm
das Papier zur Hand und entfernte sich, um es in einem Geschäftsladen
der nächsten Umgebung wechseln zu lassen. Doch brauchte er auffallend
viel Zeit dazu, denn er kehrte selbst nach Verlauf einer halben Stunde
mit dem Geld nicht zurück. Da schöpfte der geprellte Eigentümer
Verdacht, ging aufs Städtische Polizeiamt und machte von dem Vorgefallenen
Anzeige. Die Polizei veranlasste sofort die nötigen Anforderungen,
und zwar nicht nur in der Stadt, sondern auf telegrafischem Wege auch
auswärts. Und siehe da, das Ergebnis dieser polizeilichen Nachforschungen
war ein ganz günstiges, indem die Gendarmerie in Borgo-Prund den
Gauner, namens Johann Gencs, der mit einem Wagen eiligst von dort abgereist
war, um sich nach Dorna-Watra zu begeben, eingefangen hatte und denselben
samt dem veruntreuten Tausendkronenschein an das hiesige Polizeiamt zur
weiteren Beförderung an das k. Bezirksgericht abgeliefert hat. (30.
Juni)
Gerd Schlesak (Tamm)

Letztes Update:
2007-09-22
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