Erinnerungen
Anlässlich des 64-jährigen Klassentreffens in Dettelbach
„Blick auf zu den Sternen, hab Acht auf die Gassen“
Zehn kleine Worte – ein kurzer Satz. Es ist der Sinnspruch aus
Wilhelm Raabes Roman „ Der Hungerpastor“. Im ersten Trimester
der Quinta empfahl ihn unser Deutschlehrer als Pflichtlektüre. Wohl
nur wenige Klassenkameraden haben ihn gelesen, denn schon der Titel des
Buches klang langweilig und so trocken wie die Interpunktionsregel, mit
welcher uns der Professor oft und gerne genüsslich vorführte.
Die Zeit zum Lesen fehlte auch, man war Coetist geworden. Das ganze Städtchen
blickte voller Stolz auf seine Coetisten und da war es nicht verwunderlich,
wenn ein längerer Blick aus strahlenden Mädchenaugen uns aus
der Ruhe brachte. Zum Ansprechen fehlte der Mut, ja auch die Stimme hätte
versagen können und man wäre mit rotem Kopf verwirrt dagestanden.
Da verblieb nur eins: am Corso die Baiergasse auf und ab zu laufen, um
auf die Wiederholung des wundersamen Erlebnisses zu warten. Somit war
die Zeit wohl besser genutzt als beim „Hungerpastor“.
Schnell zu schnell verflogen die Jahre, aus den pflaumbärtigen Quintanern
wurden Sextaner, Septimaner und im Herbst 1941 betrat man zum ersten Mal
das Gymnasium als Oktavaner. Und siehe, in den Deutschstunden kehrte der
einst verschmähte Wilhelm Raabe zurück.
Dr. Julius Hollitzer, der Deutschlehrer, machte den Sinnspruch „Blick
auf zu den Sternen, hab Acht auf die Gassen“ zum Leitfaden des Deutschunterrichtes
im Laufe des folgenden Schuljahres. Während der gesamten Menschheitsgeschichte
hatte der Sternenhimmel eine mystische Anziehungskraft. Wenn man nun bedenkt,
dass unser Auge nur einen winzigen, milliardsten Teil, des Kosmos erblicken
kann, muss das All als etwas nicht zu Begreifendes, Großes, Erhabenes,
als etwas Göttliches erscheinen. In diesem Sinne ist es nicht verwunderlich,
dass auch die Menschen, besonders die Philosophen der Antike, Möglichkeiten
suchten, um auch den Menschen zu etwas Höherem zu erheben. Um das
zu erreichen, wurden durch sie drei Ideale geprägt: Logik –
die Wahrheit, Ästhetik – die Schönheit und Tugend –
die inneren Werte. Und gerade die inneren Werte waren es, die Julius Hollitzer
bei seinen Schulabgängern gefestigt wissen wollte. Aus diesem Grunde
verlangte er von uns das Auswendiglernen folgenden Gedichtes von Goethe,
von dem hier die erste Strophe wiedergegeben wird:
„Das Göttliche“
Edel sei der Mensch,
hilfreich und gut.
Denn das allein
unterscheidet ihn
von allen Wesen,
die wir kennen.
Schon dieses Gedicht allein gab die Richtung an, die wir ein Jahr lang
im Auge haben sollten. Die schöne Sprache unserer Dichter soll das
Ohr und das Herz der Zuhörer öffnen und damit das Gehörte
unvergesslich machen. Das Gedicht vereinigt das Schöne und die Tugend
und hat somit gleichzeitig zwei Ideale erfüllt. Diese Tatsache machte
sich Hollitzer zunutze, um die inneren Werte seiner Schüler zu festigen.
Liebe Freunde, ich nehme an, dass bei jedem von Euch einmal der Funke
gesprungen ist: beim Vorlesen eines Gedichtes zum Beispiel, ohne dass
ihr es wahrgenommen habt. Mein persönliches Erlebnis trug sich wie
folgt zu: aus der Literaturgeschichte wurde Leben und Werk von Matthias
Claudius behandelt. Hernach trug unser Lehrer das „Abendlied“
dieses Dichters vor. Ich kannte es längst als Gedicht und Lied und
erwartete nicht, etwas Neues zu erfahren.
Dann kam die letzte Strophe:
So legt euch denn ihr Brüder
in Gottes Namen nieder;
kalt ist der Abendhauch.
Verschon uns, Gott, mit Strafen,
und lass uns ruhig schlafen.
Und unseren kranken Nachbarn auch.

Bergschulabiturienten Jahrgang 1942
Obere Reihe v.l.n.r.: Hans Haner; Otto Leonhardt; Dietrich Wolff; Gunthardt
Theil; Hermann Löprich
Mittlere Reihe v.l.n.r.: Kuno Wagner; Reinhold Martini; Karlheinz Hardt;
Walter Roth; Hans Liehm; Edgar Bauer; Norbert Heidel; Viktor Melzer (Lehrer);
Egon Haas ; Alfred Kopp; Erhardt Vollmer; Andreas Lingner; Erwin Guth
;Helmut Kartmann;
Sitzend, Lehrer v.l.n.r.: Konrad Orendi; Hans Theil; Eugen Schotsch; Heinrich
Höhr, Julius Hollitzer, Karl Roth, Karl Theil; Wilhelm Teutsch; Hans
Markus.
Foto: Hans Lurtz
Bei der Wiederholung der letzten Verszeile wurde seine Stimme leise, aber
eindringlich. Bisher dachte ich, dass diese Zeile nur als Reim hereinpasste.
Nun kam mir die Erkenntnis, dass es ein wirkliches Gebet war, voller Nächstenliebe
und der Dichter wahrscheinlich seinen kranken Nachbarn in sein tägliches
Nachtgebet einschloss. Diese Zeile trage ich bis auf den heutigen Tag
immer in mir, spreche sie manchmal nur leise vor mich hin, bei passender
Gelegenheit aber sprach ich sie auch laut aus. Ähnlich verliefen
die Vorträge auch bei anderen Gedichten. Die wichtigen Stellen unterstrich
er mit entsprechenden Gebärden, oder auch durch Veränderung
der Stimme. Als Kommentar folgte meistens nur eine kurzes: „Blick
auf zu den Sternen…“ Das Denken und Fühlen überließ
er uns, wir waren ja erwachsen genug geworden. Um die Anzahl der Gedichte
zu vermehren, trug er mir auf, mich jedes Mal zu melden, wenn ich ein
Gedicht vorbereitet hatte. Das tat ich gerne, denn erstens liebte ich
Gedichte, zweitens kannte ich viele auswendig und drittens wurde ich dafür
benotet. Dies war der Weg des kleinsten Widerstandes.

Vor Sonnenuntergang, Foto Armin Maurer
Auch die Schönheit des Volksliedes wollte er uns näher bringen
und wieder war ich dran, einige, von ihm bestimmte, in der Aula der Schule
vorzusingen. Für Klavierbegleitung sorgte Walter Filff. Unter den
Liedern war auch „Innsbruck ich muss dich lassen“. Von diesem
Lied erzählte Hollitzer, dass Beethoven, der Legende nach, gesagt
haben soll, er würde viele seiner Werke dafür geben, wenn es
von ihm wäre.
Das Gedicht „Für meine Söhne“ von Theodor Storm,
das wir ebenfalls auswendig lernen mussten, sollte uns Verhaltensweisen
für die verschiedensten Lebenslagen aufzeigen. Hier die erste Strophe,
die das Ideal „die Wahrheit“ zum Gegenstand hat, das bisher
stiefmütterlich behandelt wurde:
Hehle nimmer mit der Wahrheit!
Bringt sie Leid, nicht bringt sie Reue;
doch, weil Wahrheit eine Perle,
wirf sie auch nicht vor die Säue.
Ich glaube, dass ich nicht der Einzige bin, der das Gedicht noch auswendig
kann.
Professor Dr. Hollitzer versuchte alles, um uns die Wege vorzuzeigen,
auf denen wir zu dem von ihm gewünschten Ziel kommen können.
Wusste er nicht, dass die sächsischen Kinder die Tugenden der Eltern
vererbt bekamen, dass die Kinder in der Schule mit Eifer Heimatkunde lernten
und gleichzeitig die Tugenden vor Augen geführt bekamen? Wusste er
nicht, dass in den Nachbarschaften die inneren Werte gemeinschaftlich
gelebt wurden und dass alle Vereine auf der Grundlage von Tugenden gegründet
und geführt wurden? Sicherlich wusste er das alles, aber er wusste
auch aus der Geschichte, dass es schwere Zeiten gab, die ganze Männer
erforderten, die das Volk hinter sich bringen mussten, um Gefahren abzuwenden.
Wenn man die Leistungen betrachtet, welche dieses relativ kleine Volk
im Laufe der etwa 850 Jahre seiner Existenz geschaffen hat, kommt man
nicht umhin, die Gründe zu analysieren. Schon im frühen Mittelalter
wurden Städte mit wehrhaften Mauern und Türmen angelegt, herrliche
Kirchen wurden erbaut, ebenso die Kirchenburgen in den Dörfern, die
so nur in Siebenbürgen zu finden sind, welche heute noch eine große
Bewunderung erfahren. Die Siebenbürger Sachsen waren stets bestrebt,
für ihre Jugend zu sorgen und führten früh, vor vielen
andern, die allgemeine Schulpflicht ein. „Durch die Schultüren
strahlet der Morgenstern“, lautet der bekannte Spruch von St. L.
Roth, der an der Decke der Schulaula zu lesen ist. Ein Zeichen dafür,
dass die Verantwortung für die Schule und ihre Jugend weiterhin vorhanden
war. Zu unserer Schäßburger Gymnasialzeit, zählte man
in Siebenbürgen fünf Gymnasien für Jungen, eines für
Mädchen, zwei Lehrerbildungsanstalten usw. Dieses alles für
eine kleine Bevölkerungszahl von knapp 300.000 Seelen. Erwähnenswert
wäre noch, dass diese Schulen nicht nur nationalen Charakter hatten,
sie wurden auch von andern mitwohnenden Nationalitäten besucht (Rumänen,
Ungarn und Juden).
Zieht man die schönen Bauwerke aus dem Mittelalter in Betracht, die
heute teilweise als Weltkulturerbe gelten, dazu was auf schulisch kulturellem
Gebiet geleistet wurde und bedenkt, dass alles ohne staatliche Zuschüsse
zustande kam, dann kommt man nicht umhin anzuerkennen, dass dies alles
ohne innere Werte nicht möglich gewesen wäre. Somit kann man
Prof. Dr. Julius Hollitzer vollkommen verstehen, dass er sich zu deren
Festigung die größte Mühe gab. Sicherlich habe es Jahrhunderte
hindurch andere Lehrer genauso gemacht und somit war die Jugend stets
in guten Händen.

Alberthaus, Stundturm und Schmiedturm - Foto Günter Connerth
Das bittere Ende kennen wir. In sächsischen Häusern wohnen andere.
Die Zeiten und die Menschen haben sich verändert. Die Kulturschätze
sind zurückgeblieben und zeugen von großem Fleiß und
uneigennütziger Opferbereitschaft.
Diesen Artikel zu schreiben, war mir schon lange ein Bedürfnis. Leider
habe ich die Gelegenheit versäumt, ihn zu schreiben, als es mir noch
leichter gefallen wäre. Außerdem hätten die ehemaligen
Klassenkameraden, die in den letzten Jahren von uns gegangen sind, es
ist Hans Liehn, Gunthardt Theil, Norbert Heidel und Kuno Wagner sicherlich
an diesem Thema Interesse gehabt. Anne Roth, die unseren Kreis als Letzte
verlassen hat, hätte sich darüber sehr gefreut. Auch Otto Szczepanek,
einst Kostschüler in der Familie Hollitzer, hätte einiges über
unseren Lehrer beisteuern können. Ich schließe mit dem Spruch,
der am Anfang stand: „Blick auf zu den Sternen, hab Acht auf die
Gassen.“
Nachtrag: Den „Hungerpastor“ habe ich in den großen
Ferien nach der Septima gelesen, fand ihn sehr schön und lesenswert.
Damit korrigiere ich meine Meinung aus der Quinta über das Werk,
den Schriftsteller und den Professor, der es uns vorgab.
21. Mai 2006 Erwin Guth (Dornstadt)

Letztes Update:
2007-09-22
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