Jahresbericht 2006
der evangelischen Diasporagemeinde A.B. Marienburg / Schäßburg
Pfarrer Johannes Halmen, Foto: H. Theil
Johannes Halmen, Landpfarrer, wohnt in Schäßburg im ehemaligen
Predigerhaus auf dem Pfarrhof und ist zuständig für 15 evangelische
Restgemeinden in 15 Dörfern rund um die Stadt Schäßburg.
Nach 1990 haben über 90% der Gemeindeglieder und 10 Pfarrer dieses
Gebiet verlassen. Es entstand dadurch ein extrem ausgedünntes evangelisch-lutherisches
Diasporagebiet „in einer konfessionell bunten, jedoch durch die
rumänische Orthodoxie dominierte Ökumene“. Johannes Halmen,
in Schäßburg geboren, studierte nach dem Abitur in Schäßburg
aus innerer Berufung Theologie in Hermannstadt und ist seit 1993 Landpfarrer
für dieses Gebiet. Seine geistliche Heimat hat er in der Evangelischen
Michaelsbruderschaft gefunden, deren geistliche Tiefe und Ordnung er sich
verbunden fühlt. Er hat uns dankenswerterweise seinen Jahresbericht
zukommen lassen und erlaubt, ihn auszugsweise zu veröffentlichen.
Der aufschlussreiche Bericht beginnt mit einer meditativen Wirklichkeitswahrnehmung,
die unter die Haut geht: Leben auf und mit Ruinen.
„Die siebenbürgischen Ruinen, die mich umgeben, sind nicht
die ersten, die je ein Mensch zu Gesicht bekam und ich trage auch nicht
die Verantwortung, wenn sie weiterhin verfallen werden; ich muss sie nicht
halten, ihrem Fallen nicht meinen Rücken entgegenstemmen (Es mag
sein, dass alles fällt, dass die Burgen dieser Welt um dich her in
Trümmer brechen. Halte du den Glauben fest, dass dich Gott nicht
fallen lässt: Er hält sein Versprechen“, singt R. A. Schröder).
Das ist entlastend. „Eine Ruine ist ja nicht nur ein Makel. Leben
kann sich ja auch zwischen Ruinen entfalten, kann sie sogar integrieren.“...
„Siebenbürgen, meine Heimat, ist bis auf den heutigen Tag ein
solcher Ort, wo ich mit der Hinfälligkeit des Lebens tagtäglich
Fühlung halte. Ich kann mich dem Verfall, den Ruinen nicht entziehen,
die ich zu Gesicht bekomme. All das bestärkt in mir den Glauben,
dass Heimat ein geistlicher Begriff ist und es bestärkt auch die
Sehnsucht nach der zukünftigen Welt.“
Diasporagemeinden um Schäßburg: Statistisches
„Wenn ich nun meine Gemeinden einzeln vorstelle, dann möchte
ich jeweils deren Namen nennen, die Gemeindemitgliederzahl... und wie
oft und wann wir hier an den insgesamt sieben Predigtstellen Gottesdienste
feiern.
Arkeden: Hier zählen wir 1 evangelische Frau mit ihren beiden Töchtern
zu unserer Gemeinde... Jeden ersten Freitag im Monat besuche ich die Familie...
In Klosdorf lebt ebenfalls eine einzige Person... Es gab einen Sommergottesdienst
(44 Besucher) in der gut erhaltenen gotischen Kirche... In Weißkirch
leben 6 evangelische Gemeindeglieder... Sie fahren nach Keisd zum Gottesdienst.
In Bonn lebt eine einzige evangelische Familie.
Die Gemeinde Keisd ist mit 78 Evangelischen selbstständig. Kurator
und Organist ist Johann Klemens... Gottesdienst feiern wir am 1. und 3.
Sonntag im Monat, 12 Uhr. Die Kirchentracht ist hier noch üblich.
Ein Dutzend Kinder gehören hier zu unserer Gemeinde und drei Lehrerinnen.
Die Kirchenburg ist denkmalgeschützt und gehört zum Weltkulturerbe,
ebenso die gemeindeeigene Fliehburg über dem Dorf. Das Kultusministerium
finanziert die Restaurierung unserer Kirche.
Großlasseln im Westen zählt 16 Evangelische... Hier feiern
wir jeden 1. Sonntag im Monat Gottesdienst, jeden zweiten Monat mit Abendmahl
(heuer 1 Taufe und vier Konfirmanden). Hier gibt es ein christliches Alten-Pflegeheim
in der ehemaligen evangelischen Schule, wo zurzeit vier evangelische Kranke
und Alte gepflegt werden. Jeden Tag gibt es Morgen- und Abendgebet, jeden
Donnerstag bin ich dabei und jeden Dienstag kommt Spitalsbegründer
Martin Türk-König dazu. Marienburg ist Stadtteil von Schäßburg
und zählt 41 Evangelische... Regelmäßiger Gottesdienst
am 2. und 3. Sonntag im Monat um 10 Uhr.
Die Gemeinde Nadesch im Weinland zählt 33 Gemeindeglieder... Gottesdienst
ist jeden 4. Sonntag um 12 Uhr, zusammen bzw. wechselnd mit der Gemeinde
Zuckmantel. In Nadesch hängt die siebenbürgenweit älteste
vorreformatorische Glocke mit sächsischem Text (Inschrift): Helf
Gott – Maria berot... An der Schule in Nadesch erteile ich einmal
im Monat Blockunterricht im Fach Religion für 7 Kinder.
Unsere jährliche Fahrt zum Weihnachtsspiel in der Schule in Schäßburg
ist schon Tradition (Lehrerin Christa Rusu).
Im nahe gelegenen, vorwiegend unitarischen Weppeschdorf lebt eine weitere
evangelische Familie... Manjersch zählt eine evangelische Frau. Jeden
2. Mittwoch im Monat bin ich im Dorf und bete in der romanischen Kirche
mit Schulkindern aus der Nachbargemeinde Nadesch.
In Zuckmantel leben 16 Evangelische... Gottesdienst ist hier am 4. Sonntag,
immer um 12 Uhr (zusammen mit der 4 km entfernten Gemeinde Nadesch). Unsere
Gemeinde Schaas zählt 5 Mitglieder... Weitere 6 Evangelische leben
hier und weitere 7 in Deutschland, die an der Gegenwart und Zukunft der
Gemeinde Interesse haben. Die kleine Gemeinde hat die Gelegenheit, jeden
3. Sonntag in die Nachbargemeinde Trappold zu fahren. Nur einmal im Jahr
nutzen wir die riesige, aber bedrohte Kirche für unser Heimatfest,
das schon Tradition geworden ist, wenn sommers die Urlauber einkehren...
Im Sommer 2006 bin ich... auch zweimal mit Schülergruppen nach Schaas
Rad gefahren, wo wir das Grab von Joseph Haltrich besucht und in der Kirche
das Vaterunser gebetet haben. Letztens war ich mit Herrn Joachim Faitsch,
einem deutschen Denkmalpfleger, in der Kirchenburg Schaas. Er hat für
unsere Kirche den Auftrag, in den nächsten 10 Jahren, zusammen mit
der „Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit“ (GTZ)
rund 100 Kirchen herzurichten. Herr Faitsch hat die Situation der Kirche
und der Kirchenburg als äußerst kritisch eingestuft und ich
hoffe, dass er sie auf seine Prioritätenliste für 2007 oder
spätestens für 2008 setzt.
Trappold ist das Zentrum der politischen Kommune. Unsere Gemeinde zählt
18 Evangelische und hat eine bedeutende Kirchenburg... Kirche ist immer
am 3. Sonntag im Monat um 10 Uhr... Im Pfarrhaus leben westdeutsche Volontäre,
die sich gerne in eine soziale Tätigkeit einklinken möchten,
jedoch noch suchende sind. In Wolkendorf lebt ein Mann. Er kommt mit dem
Rad die 12 km über den Berg gefahren, wenn er Kontakt sucht. Das
wunderschöne Pfarrhaus wurde hier verkauft. Die Käufer von der
Stiftung „Für die christliche Familie“ haben das Dach
und die Mauer der Kirche winterfest gemacht. In Denndorf leben zwei Evangelische...
Die Kirche ist leider entkernt und profaniert. Hier mache ich Hausbesuche
an den 2. Feiertagen der Hochfeste. 2006 Sommergottesdienst mit Studenten
(30 Besucher).
20 ehemalige Denndorfer Mitglieder aus Deutschland haben sich als „Kirchengemeinde
Denndorf“ zusammengeschlossen, um die Gemeinde als Rechtskörper
aufrechtzuerhalten.
Dabei muss man wissen, dass seit der Wende jede der Gemeinden, auch die
„aufgelösten“ Gemeinden, Liegenschaften (Pfarr- und Schulgebäude,
Äcker, Wiesen, Wälder) zu verwalten haben. Das stellt besonders
das Bezirkskonsistorium in Schäßburg vor nicht wenige materielle
und personelle Herausforderungen. So wurde ich auch Gründungsmitglied
im Kirchenwaldverein...“
AUSBLICK... „Mir ist in meiner Arbeit als Pfarrer einer kleinen
Landgemeinde, als Religionslehrer an der Schule (für rund 70 Schüler)
und als Beauftragter meiner Kirche für Sekten- und Weltanschauungsfragen,
aber auch als Vorsitzender einer kleinen Bürgerbewegung in unserer
Stadt wichtig, das Mündigwerden im Glauben der Einzelperson, das
Erstarken von Familien sowie den Zusammenhalt in kleinen Gemeindegruppen
zu ermutigen; aber auch die Möglichkeiten zur Bildung für Kinder
und Jugendliche auszuloten. So haben wir die „Rollende Bibliothek“
für Kinder ins Leben gerufen, damit Kinder die deutsche Sprache lernen
können, sofern sie keinen Zugang zur Schule haben. Nicht alle Familien
können sich das Pendelgeld für ihre Kinder leisten, und nicht
alle Familien lassen es zu, dass ihre Kinder in die Stadt aufs Internat
gehen. So gehen nicht wenige Kinder aus zweisprachigen, bzw. konfessionell
verschiedenen Ehen unserem Kulturkreis verloren...
Wir laden ehemalige Gemeindeglieder dazu ein, eine (neuerliche) Mitgliedschaft
in unseren Kirchengemeinden anzustreben... Diese grenzüberschreitende
Gemeindemitgliedschaft tritt nicht in Konkurrenz, bzw. ändert nicht
den Status in der Kirchengemeinde im Ausland. Unsere Landeskirche hat
dazu einen rechtlichen Weg geebnet... Beschluss LKZ 4592 vom 22. Dezember
2003. Es gibt zwei verschiedene Weisen, diese Mitgliedschaft zu erwerben.
Zum einen: Vollmitglied kann jede werden und jeder werden, der mindestens
183 Tage im Jahr in Rumänien lebt. In diesem Fall kann man das aktive
sowie passive Wahlrecht in Anspruch nehmen. Und zum andern: Mitglied im
Sonderstatus, bzw. Fördermitglied auf einer Sonderliste der Gemeinde,
kann werden, wer am geistlichen Leben und am Erhalt unserer Gemeinde interessiert
ist und ihre Zielsetzungen unterstützen möchte, jedoch ohne
aktive oder passive Wahlrechte geltend zu machen. In beiden Fällen
wird von einem Mitgliedsbeitrag in Höhe von den bei uns üblichen
Beiträgen ausgegangen (gegenwärtig 20.– Lei, umgerechnet
6 €). Hier geht es uns nicht in erster Reihe um das Geld, sondern
um die Signalwirkung, die es hat, wenn eine kleine Gemeinde sagen kann:
„Wir gehören zu einer weit größeren Familie hinzu
und werden nicht preisgegeben. Unsere Nachbarn und Glaubensgeschwister
sind zwar ausgewandert, aber sie reißen die Brücken hinter
sich nicht ab“.
Kasualhandlungen werden im Regelfall zweisprachig gehalten... Im Gottesdienst.
erreiche ich im Schnitt etwa 30 Menschen. Unter der Woche komme ich im
Regelfall mit etwa 20 Menschen am Land in Kontakt. Zu den Hochfesten bin
ich bemüht, alle Menschen aufzusuchen und das Heilige Abendmahl in
die Häuser der Gebrechlichen und Kranken zu bringen... Während
früher die bestbesuchten Gottesdienste zu den Hochfesten stattfanden,
sind es heute die sommerlichen Heimatfeste, welche die meisten Besucher
aufweisen... In Marienburg sammelte ich Kuratoren und Kuratorinnen zu
einer Adventsfeier, ein andermal fuhr ich mit Jugendlichen zu einer Weihnachtsmusik
und Krippenausstellung nach Hermannstadt. Regelmäßig sang ich,
fast das ganze Fleißjahr hindurch, am Donnerstagabend mit Internatskindern
im Adlerhorst. Unter den Weihnachtsgottesdiensten ist jenes Fest hervorzuheben,
wo heuer zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder ein kleines zweisprachiges
Weihnachtsanspiel von Kindern in Trappold vorgestellt wurde...“
Der Bericht, den ich stark gekürzt gebracht habe, endet mit einem
Bonhoeffer-Wort: „Gott führe uns freundlich durch die Zeiten,
vor allem aber führe er uns zu sich.“
Dr. August Schuller (Brühl)

Letztes Update:
2007-08-31
- Adresse dieser Seite: http://www.hog-schaessburg.de
/ http://www.schaessburg-net.de
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