HOG-Schäßburg / Siebenbürgen

Von der Bergschule an die Uni Tübingen

Doris Kloor geb. Barth

Das Schäßburger Gymnasium hat im Laufe vieler Jahrzehnte eine beachtliche Zahl guter Biologen hervorgebracht, die sich auf dem Gebiet der Forschung und Lehre einen beachteten Namen erworben haben. Das gereicht der Schule und ihren Lehrern zur Ehre. In diese stolze Reihe gehört auch Frau Prof. Dr. Doris Kloor geb. Barth, von der Universität Tübingen. Im Jahre der 400. Wiederkehr des Bestehens der Schule auf dem Berg (1607 - 2007) bringen wir ein Porträt von Frau Prof. Dr. Doris Kloor. Sie ist dankenswerterweise unserem Wunsch nachgekommen und hat für die Schäßburger Nachrichten dieses ermutigende Lebensbild verfasst. Dafür danken wir sehr herzlich.
Doris Kloor  

Gestern regnete es den ganzen Tag, und heute schien die Sonne den ganzen Tag. Wie viele Begebenheiten meines Lebens würden eine andere Richtung genommen haben, wenn es heute geregnet und gestern die Sonne geschienen hätte?
Als ich meine Dissertation 1990 zum Doktor rerum naturalium der Biologie an der Eberhard-Karls Universität Tübingen abgeschlossen hatte, fiel mir dieser Spruch von Lichtenberg (Schriftsteller und Experimentalphysiker) in die Hände und ich fragte mich unweigerlich: Wie wäre mein Leben verlaufen, wenn gestern die Sonne geschienen hätte…
Pflichtbewusst und voller Elan schrieb ich 1979 am Joseph-Haltrich Gymnasium mein Abitur, obwohl wir „eingereicht“ hatten. Zu der Zeit bedeutete das die sichere Ausreise in die Bundesrepublik. Dieser Tatbestand bescherte mir einen herrlichen, unbeschwerten Sommer, während sich meine Schulfreunde auf die Aufnahmeprüfung an einer der Universitäten im Lande vorbereiteten. Dass unsere Klasse etwas ganz Besonderes war, zeigte sich nach den Aufnahmeprüfungen, als von den 32 Abiturienten 24 einen Studienplatz erhielten. Ich bin sehr stolz, ein Teil dieser Klasse gewesen zu sein! Der Herbst 1979 ist mir als ein Wechselbad der Gefühle in Erinnerung geblieben: Auf der einen Seite überwiegte die Neugierde und Freude über den baldigen Neubeginn, auf der anderen Seite aber hieß es, Abschied nehmen von all den Menschen, die einem lieb waren und nahe standen, die einen begleitet und geprägt haben, von all den Dingen, die so vertraut waren, und vor allem von der Burg. Es war diese Zäsur, die sich tief in mein Bewusstsein gebrannt hatte, dass ein Lebensabschnitt zu Ende gegangen war und unwiederbringlich sein würde.
Der Neuanfang in Deutschland war für unsere Familie eine Herausforderung. Der Halt und die Geborgenheit der Familie waren plötzlich weg, als sich die Struktur auflöste: Vater arbeitete in Sindelfingen, meine Schwester ging nach Mainz, ich nach Meersburg, um die deutsche Hochschulreife zu erlangen, und Mutti blieb in Crailsheim. War das also Deutschland, fremd in der Fremde und plötzlich auf sich gestellt?! Oder war das einfach nur das Leben? Für mich jedoch begann eine aufregende und spannende, aber auch eine gute Zeit. Dafür war das Schuljahr der beste Einstieg, da die Schule nur den Rahmen bildete und mir viel Freiraum gewährte, um mich in dieser, doch so ganz anderen Welt zu orientieren. Nach dem Abitur standen mir alle Möglichkeiten offen, so dass mir die Entscheidung, zu studieren, nicht schwer fiel. Als Kind wollte ich Lehrerin oder Ärztin werden. Studiert habe ich dann Biologie und arbeite heute als Pharmakologin am Institut für Pharmakologie und Toxikologie der Universität Tübingen. Biologie habe ich in Tübingen, an der alt-ehrwürdigen Alma Mater studiert. Die Wahl für Tübingen als Studienort fiel aus mehreren Gründen: Erstens war das Angebot der zu studierenden Fächer der Biologischen Fakultät sehr vielfältig, zweitens ist Tübingen eine überaus reizende Stadt mit einem sehr bedeutenden geschichtlichen Hintergrund, und drittens
wohnten die Eltern mittlerweile - und wohnen immer noch - in der Nähe, in Böblingen. Zu studieren bedeutet viel Begeisterung für das Fach, viel Wissen, aber auch eine ordentliche Portion an Idealismus, Disziplin und Organisationstalent. Letzteres stellte sich bei mir nur nach und nach ein und kam dann mit umso größerer Durchschlagkraft zum Tragen. Die Folge war, dass mir das Studieren unheimlich viel Spaß machte. Ich saugte das Wissen auf wie ein Schwamm und war zufrieden mit mir und der Welt als ich erste größere Zusammenhänge erkannte. Ich war also auf dem richtigen Weg! Auch hatte ich nette Kommilitonen, die mich anfangs wegen meines Dialektes zwar mit Skepsis betrachteten, aber dann voll akzeptierten. All das führte dazu, dass ich mein Studium in der Regelstudienzeit mit Erfolg abschließen konnte. Die Entscheidung, in den Naturwissenschaften eine Promotion zu beginnen, will gut überlegt sein, denn Wissen, Fleiß und Wille, etwas zu erkennen, reichen nicht aus, wenn Experimente mal wieder nicht klappen wollen. Dann sind andere Eigenschaften gefragt, wie Durchhaltevermögen und eine hohe Frustrationstoleranz. Wenn zu all dem noch ein Quäntchen Glück hinzukommt und man die Unterstützung seiner akademischen Lehrer hat, dann erreicht man auch dieses Ziel. Damit hatte ich in der Forschung Fuß gefasst und bin auch dabei geblieben. Mein Betätigungsfeld hat sich seit meiner Habilitation erweitert und als Hochschullehrerin kann ich mit meiner Arbeit das vereinen, was ich schon als Kind gerne machen wollte, z.B. lehren. Ich unterrichte Studenten der Medizin und Biologie und darf Prüfungen abnehmen. Meine Leidenschaft jedoch ist die Forschung geblieben, denn neben dem Erkenntnisgewinn ermöglicht sie mir auf Tagungen und Kongressen rund um den Erdball den Austausch mit vielen klugen und interessanten Menschen. Außerdem hoffe ich, dass meine Forschungsergebnisse ein kleiner Beitrag zum wissenschaftlichen Fortschritt in der Medizin sein werden.
Dass sich mein Leben so entwickelt hat, wäre ohne das Fundament, das meine Lehrer in Schäßburg gelegt haben und auf dem ich aufbauen konnte, nicht denkbar gewesen. Ihnen allen möchte ich von Herzen danken, aber vor allem meinem Mann und meiner Familie, die mich immer gefördert und unterstützt haben.

Prof. Dr. Doris Kloor




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