HOG-Schäßburg / Siebenbürgen

Der Maler Alexander Mathias:

"Ich glaube an die Macht der Kunst, die den Menschen menschlicher macht."

Versuche mit Über-Wirklichkeiten

Kunstwerke müssen nicht unbedingt einen direkten Bezug zur Biografie des Künstlers erkennen lassen, wir meinen aber, es könnte ein möglicher Zugang zu den zahlreichen und verschiedenartigen Themen und Techniken sein, mit denen sich Alexander Mathias befasst.


In Schäßburg kam Alexander Otto Koloman Tuli 1953 zur Welt und wohnte in der Brückengasse 3 (Strada Podului). Seine Mutter Maria geb. Kraus war aus Schaas zugezogen, seines Vaters Vater war noch zu k. k. Zeiten aus Böhmen eingewandert und in Schäßburg hängen geblieben. Der kleine Erdenbürger sollte groß werden; wie seine beiden Namenspatrone Alexander und Otto! Wohl jede Mutter wünscht das ihrem Sohn. Nach der Grundschule besuchte Alexander die Bergschule, wo er von Prof. Hîrtoaga im Technischen Zeichnen die Grundregeln der perspektivischen Sachzeichnung beigebracht bekam, die wir in vielen seiner späteren Zeichnungen als „Spielmaterial“ antreffen. Doch wichtiger empfand der Bergschüler den geistigen Einfluss von Direktor Jambrek, der ihm im Philosophie-Unterricht mehr über das Denken beibrachte, als der Lehrplan vorsah. Im Arbeitskreis für Kunst im Pionierhaus bekam er erste Anleitung im bildnerischen Gestalten, das in seinem weiteren Leben eine wichtige Rolle spielen sollte. Die parteiideologisch ausgerichteten staatlichen Hochschulen für Bildende Kunst in Klausenburg und Bukarest sahen in dem „jungen Wilden“ eher den Rebellen und nicht den zukünftigen Künstler, und ließen ihn nach der Matura 1973 nicht studieren. So musste er nach dem Militärdienst seinen Lebensunterhalt bei verschiedenen örtlichen Firmen verdienen, wobei ihm seine künstlerische Erfahrung und Begabung halfen. Das Zeichnen und Malen betrieb er auch weiterhin, mehrere Ausstellungen ermutigten ihn.


Dann kam 1979. Durch seine Heirat mit einer Hamburger Bürgerin durfte er die kleine und enge Heimatstadt verlassen und nach Hamburg umsiedeln: in die Großstadt, in die weite Welt, in die Freiheit! (Der „neue Mensch“ nahm den Familiennamen seiner Frau an.) Was man sich all die Jahre ersehnt hatte, sah aus der Nähe betrachtet doch etwas anders aus. Die äußeren Lebensumstände waren angenehmer und bequemer, man konnte alles Käufliche erstehen, wenn man das nötige Geld dafür hatte. Das musste man sich verdienen. Eine Ausbildung als Krankenpfleger in einem großen Hamburger Krankenhaus sicherte ihm zwar keine Reichtümer, aber das Nötigste für ein bescheidenes Leben. Und ein mehrjähriges Studium an der „Hamburger Freien Kunstschule“ öffnete ihm den Zugang auch zur modernen Kunst, die neu gewonnenen Freunde halfen ihm bei ersten Schritten in der Kunstszene. Mehrere Reisen in die weite Welt, u. a. nach Amerika, Afrika, Ibiza, England, eröffneten ihm die Welt. Und viele Ausstellungen im In- und Ausland machten ihn bekannt, die vielen Gespräche mit Künstlerkollegen und dem Publikum bereicherten und bereichern auch heute den wissbegierigen jungen Mann.


Betrachtet man seine Zeichnungen, Gemälde und Plastiken als Spiegelungen der Künstlerseele, scheint diese Auseinandersetzung mit der neuen, fremden Welt, in der er sich einleben musste, nicht so einfach und schmerzlos verlaufen zu sein, wie die offene und optimistische Art des Künstlers vermuten lässt. (Vielleicht hat das Gestalten der Spannungen zu diesem Optimismus geführt?) Mit ein paar Gedanken wollen wir den Betrachter dabei begleiten, wenn er sich auf die abgebildeten Werke einstimmt, eigene Resonanz zulässt, selbst wenn manches ungewohnt und sperrig, ja aggressiv oder verletzend empfunden werden sollte.


Seit jeher beschäftigen sich die Künstler mit der Frage: „Wer bin ich?“ Van Gogh, Rembrandt, Lovis Corinth u. a. porträtierten sich regelmäßig und oft, und diese Zeugnisse können in ihrer Antwort noch heute erschüttern.
Wenn ein ausgewachsener Baum verpflanzt wird, sehen die Reflexe dieser Verpflanzung weniger einheitlich, weniger geschlossen aus. Bruchstücke des Gewesenen, Vergangenen mischen sich mit Gegenwärtigem und Zukünftigem, Gewünschtem oder Gefürchtetem, Reales und Wirkliches mit Traumhaftem, logisch Konsequentes mit Phantastischem. In diesem umfassenden Sinn versteht der Surrealismus den Gegenstand seiner Malerei: eine Wirklichkeit, die alles umfasst. In Metamorphosen verlässt der Maler die raum-zeitliche Kontinuität, verbindet heterogene Bruchstücke zu neuen Gebilden in „unmöglichen“ Räumen und Perspektiven. Salvador Dali, einer der bekanntesten Vertreter dieser Kunstrichtung, verwendet dabei seine „paranoisch-kritische Methode“. Bei Dali ist Alexander Mathias sicher in die „Lehre“ gegangen. Warum nicht bei den Besten lernen? Wenn man das Gelernte bei eigenen Erfindungen kreativ verwendet?). Und das alles in einem statisch-unbewegten Objekt! Einer momentanen Vision folgend. Oder in einem länger dauernden Entstehungsprozess, der Seele in immer neuen Versuchen abgerungenen Objekten, die bessere, die beste Lösung zu finden für das Gedachte, Gefühlte, Geschaute, Erlebte. Dass die zutreffendste Form- und Farbwirkung erreicht wird, die „der inneren Notwendigkeit“ (Kandinsky) entspricht. Das Erlebnis des Künstlers also für den Betrachter möglichst wirkungsvoll und überzeugend nachvollziehbar, nacherlebbar wird, er in Mit-Leidenschaft gezogen wird.


Drei Themenkreise möchten wir beispielsweise herausgreifen: die Thematik Stuhl und Sitzen, des Weiteren Wasserhahn und Wasser und drittens: Installationen zum heutigen Menschen.
Im klassischen Zeichenunterricht ist der Stuhl oder Hocker einer der ersten nach der Natur gezeichneten Gegenstände, möglichst richtig nach Proportion und Konstruktion, nachmessbar, überprüfbar. Ähnlich der menschliche Körper im Aktzeichnen. Stuhl und Aktdarstellung finden wir auch in Zeichnungen und Gemälden von Alexander Mathias, allerdings mit anderen Gestaltungsabsichten verwendet. Der Akt meint den lebendigen Menschen und wird in seinem Ringen in allen möglichen und unmöglichen Haltungen und Stellungen, Bewegungen und Verrenkungen dargestellt, als leidende „Anima“. Oft versucht sie, zur Ruhe zu kommen, sesshaft zu werden. Allein den zuverlässigen, stabilen Stuhl finden wir nirgends. Auch wenn das einzelne Stuhlbein oder Konstruktionsteile exakt gezeichnet und schattiert sind, die Standfläche steht nicht auf dem Boden, die Sitzfläche ist gekippt, die Lehne weist in die unendliche Perspektive des Himmels. Der Stuhl hat manchmal nicht nur drei oder vier Beine, sondern viele, aber alle sind „knieweich“ und können den sitzenden Menschen nicht verlässlich tragen. Und der Boden hat eine andere Perspektive, bietet durch die Schräge keinen Halt oder ist durchlöchert. Den autoritativen Herrscherthron oder Richterstuhl sucht man vergeblich. In einer Kurz-Vita schreibt der Künstler über sich: „Wohnt und wird akzeptiert in Hamburg“. Wohl ihm, wenn er Recht hat!

Ein anderes Thema, das besonders reichhaltig im Hamburger Wasserwerk 2001 ausgestellt wurde, ist „Wasser“ und „Wasserhahn“ in unterschiedlichsten Installationen. Dabei ist der Wasserhahn, der sonst erfahrungsgemäß fest an der Wand montiert ist und die Verbindung zum System der Wasserrohre herstellt, frei im Raum schwebend, ohne Wand, auf Flaschen-, Retorten- oder anderen Formen balancierend dargestellt. Abgeschnitten von jeglichen Ein-Flüssen? Es kommt auf das sehr aufwändig gestaltete kunstvolle Formgebilde aus verschiedenstem Material an, also „auf das, was herauskommt“? Oder: Die verzwickteste, trickreichst erkünstelte Form taugt nicht als Ersatz für das unabdingbar notwendige reine Lebensmittel Wasser!? Die „Ersatz-Wässer“ dürfen die Verbindung zum Ursprung nicht verlieren, sonst ist der goldene funktionierende Wasserhahn nutzlos? Solche und viele andere ähnliche Gedanken könnten dem Betrachter da einfallen. Berechtigt oder nicht, das lässt sich nur am Objekt und an der Methode der Ableitung überprüfen, wenn heraus interpretiert, ausgedeutet wird, was von Form-, Farb- oder Ausdruckseigenschaften des Objektes im Betrachter eine Resonanz hervorruft. Und alle diese Fragen – und sicher noch viel mehr, je nach Sensibilität und Phantasie des Betrachters, sind im Objekt begründet. Auch wenn der Künstler das nicht alles zugleich logisch gedacht haben muss. Vielleicht Vieles intuitiv erahnte? Also: alles beliebig? Wo bleibt da das „Können“ der Kunst, die „Meisterschaft“? Van Gogh, dessen Bilder heute höchste Wertschätzung und höchste Preise erzielen, der zu seinen Lebzeiten kaum etwas verkaufte, schreibt darüber an seinen Bruder (sinngemäß), dass das Erreichen des Gewollten, des Idealen, dem Künstler kaum möglich ist, weil mit jedem Erreichten das Ziel sich weiter entfernt. Das Einzige, was zählt und was weiterbringt, ist das unbedingte Streben danach. Ähnlich vielleicht der Einsicht des weisen Goethe am Schluss des „Faust“.

Der aufmerksame Krankenpfleger geht nicht mit Scheuklappen durch das Krankenhaus: er bemerkt, wie sich z. B. die Gesundheitsreform auf die kranken Menschen auswirkt, wie medizinische Hilfsmittel sinnlos werden, wenn sie nicht sachgemäß angewandt werden, wenn am falschen Ende gespart wird. Die „Sparkrücke“ sei als absurdes Beispiel genannt. Die Gehhilfe, die, ledergepolstert, den Gehbehinderten unter den Achseln stützen soll, ist von spitzen Nägeln dicht besetzt, genau am Lederpolster, das den Druckschmerz unter den Achseln mildern sollte. Das „Sparen“ geht so weit, dass die Stütze zum Gehen nicht verwendet werden kann, da die beiden Schulterstützen in einen einzigen Stab münden! Ein Sparen zum Sinnlosen, etwas bitter-witzig sichtbar gemacht.
Ein metallener Hohlwürfel könnte von der Form her ein Zeichen für Sicherheit, Stabilität, Geborgenheit, Ruhe gedeutet werden. Und wie verwendet Alexander Mathias diese Form? Wie verwandelt er diese Wirkung? Diese Installation in Würfelform steht in einem Hamburger Park. Grüne und schwarze Fußspuren bezeichnen Wege darauf zu. Der Würfel liegt nicht stabil auf einer sicheren Seitenfläche, sondern auf einer Spitze! Die Geräusche des näherkommenden Betrachters setzen eine Mechanik in Gang, die dreht den Würfel um seine Körperdiagonalachse, aus dem Würfel ertönt Kinderweinen und durch die Löcher in der Würfelfläche kann man eine menschliche Puppe erkennen! (So viel zur „Geborgenheit und Sicherheit in der Technik“!)

Die Wegwerfpraxis noch funktionsfähiger medizinischer Geräte hat durch die Vermittlung von Alexander Mathias in Schäßburg manchem Kranken oder Mediziner zu wertvollen Geschenken verholfen. Manchmal auch dem Künstler Mathias zu gut brauchbarem Gestaltungsmaterial. Auch das Material für Kunstwerke kostet Geld. Und sehr viel verdient ein Krankenpfleger auch nicht, zumal er nur eine halbe Norm arbeitet, dass ihm mehr Zeit dafür bleibt, was ihm immer schon ein Bedürfnis war: das künstlerische Gestalten. Der Schwerpunkt seiner künstlerischen Arbeit wechselt mit der vordringlichen inhaltlichen Thematik, die ihn beschäftigt. Dafür wählt er jeweils die geeignete Technik aus, Zeichnung oder Malerei, Montage oder Installation, Tonplastik oder Steinbildhauerei. Von den gelegentlichen Verkäufen seiner Arbeiten könnte A. Mathias nicht leben, zumal er bescheidene Preise verlangt. (Bei Gemeinschaftsausstellungen hat er sich deswegen schon manchen Rüffel von den mitausstellenden Kollegen eingehandelt). Ihm ist es wichtig, dass jemand ein Bild von ihm kauft, weil es ihm gefällt, der es in Ehren hält, auch wenn der Käufer kein Krösus ist. Und da er von der Gage nicht existenziell abhängig ist, kann er sich diese Freiheit erlauben. Besonders freut er sich, wenn Künstler-Freunde Bilder von ihm kaufen . Oder wenn ein spendabler Mäzen einen Entwurf von ihm in Bronze gießen lässt. Da kann er großzügig auf seine Gage verzichten. „Sagt: kann man höflicher sein?“(Brecht).

Hans Orendi, Mülheim


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