Muttertag in Schäßburg
Muttertag, das war in Schäßburg immer ein besonderer Sonntag,
verbunden mit einem herausragenden Gottesdienst. Wer erinnert sich nicht
gerne an jene Zeiten?
Schon im ersten Jahr seiner Amtstätigkeit war meinem zweiten Vorgänger
im Schäßburger Stadtpfarramt, Dr. Wilhelm Wagner, aufgefallen,
dass die Feier des Muttertages mehr als in andern Kirchengemeinden „betont
und herausgehoben“ in der Kirche gefeiert wurde, obwohl er zum christlichen
Kirchenjahr gar keinen Bezug hatte.
Heute fragen wir natürlich: wo liegen die Anfänge dieses Feiertages?
Bekanntlich ist der Muttertag, der immer am 2. Sonntag im Monat Mai gefeiert
wurde, eine der jüngsten Einrichtungen unserer Kirche.1914 hat ihn
die Amerikanerin Jarvis als Danktag in Amerika eingeführt. Von dort
kam er dann in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts nach Deutschland,
wo das Anliegen auch von den evangelischen Kirchen angenommen wurde. In
den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde der Muttertag
dann auch in unserer evangelischen Kirche in Siebenbürgen heimisch.
Die schnelle sowie begeisterte Aufnahme des Muttertages kam dem seelischen
Bedürfnis der Menschen jener Jahre sehr entgegen. Im Tätigkeitsbericht
des Schäßburger Ortsfrauenvereins aus Anlass seines 75-jährigen
Gründungsfestes, welches 1937 gefeiert wurde, heißt es: „Wie
in den Nachkriegsjahren der Fürsorgearbeit mehr Aufmerksamkeit zugewendet
wurde, so fand in dem Gedanken an Mutterschutz die Einführung des
Muttertages 1930 ihre Berechtigung.“ Es waren dies bekanntlich jene
Jahre, da die völkische Erneuerungsbewegung die Rolle von Frau und
Mutter neu umschrieb. Den Müttern wurde im Blick auf Familie und
Volk eine höhere Bestimmung sowie eine höhere Pflicht zugeschrieben:
„Boden zu sein, nichts als Erde, aus dem das herauswachsende Geschlecht
seine seelische Kraft saugt“ (vgl. Klingsor, Heft 7, Juliausgabe
1932). Mütterabende wurden eingeführt, in welchen unterschiedliche
Vorträge gehalten wurden. Die Angebote erfreuten sich einer großen
Beliebtheit und wurden gerne angenommen .Im Innenleben des sächsischen
Volkes fand die Einrichtung schnell offene Herzen und Ohren.
Auch die krisengeschüttelte evangelische Kirche A.B. jener Jahre
verband damit die berechtigte Hoffnung und Chance, ihr Gemeindeleben mit
neuen Impulsen zu versehen bzw. zu bereichern. Dr. Viktor Glondys, damals
noch Kronstädter Stadtpfarrer und Bischofsvikar der evangelischen
Kirche, sprach damit im Zusammenhang von den „großen Aufgaben“,
vor welche die Frauenarbeit der evangelischen Kirche gestellt war. „Denn
das sächsische Volk harrt in seiner Not der Offenbarung der evangelischen
Sächsin, der evangelischen Mutter des heranwachsenden Geschlechtes,
der evangelischen Vertreterin in sächsischer Kultur... Die evangelische
Frau ist im Werden... Von großer Tragweite wird es sein, ob die
immer umfassender hervortretende "Freie sächsische Frauenvereinigung"
der Gefahr erliegen wird, als Mithelferin bei der Männerarbeit in
den areligiösen Geist einzumünden, oder ob sie sich ihrer Aufgabe
als evangelische Frau bewusst wird und als solche... die Gestaltung des
Volkslebens beeinflussen wird. Denn die Frau ist derzeit noch das einzige
lebendige Bindeglied vom Volk zur Kirche. Sie wird berufen sein, das neue
Leben hinaus zu tragen.“(V. Glondys: Die Krise unserer Kirche und
die sächsische Frau. In O. Wittstock:Im Kampf um Brot und Geist,
Hermannstadt 1927) Insoweit nahm die evangelische Kirche dieses seelische
Bedürfnis jener Jahre ernst und baute es ein in eine bewusste evangelische
Gestaltung des Volkslebens. Diese Tatsache entsprach durchaus auch der
späteren Haltung Bischofs Glondys, der die Zusammenarbeit mit der
nationalsozialistischen Erneuerungsbewegung nicht grundsätzlich ablehnte,
sondern im Blick auf die Wahrung der Einheit des sächsischen Volkes
durchaus bereit war, das „Gute“ an ihr auf den Weg der Kirche
mitzunehmen, fruchtbar zu machen sowie in das kirchliche Gemeindeleben
einzuordnen. Denn Kirche wurde auch in jenen Jahren als gesellschaftliche
Kraft empfunden, aus deren Mitte heraus eine Gesundung des sächsischen
Volkes erhofft wurde. In diesem Sinne wurde ein zunächst durchaus
völkisches Anliegen als Feier in den Gottesdienst verlegt und schnell
integriert. Denn wo anders als im Gottesdienst der versammelten Gemeinde,
konnten Worte, die unser Mund sonst nicht findet, an die Adresse der Mütter
gerichtet werden! Verbunden mit dem Dank für alles, was sie uns waren,
bzw. immer noch sind und sein werden und gerade deshalb auch verbunden
mit dem damals berechtigten Wunsch, Fibel und Bibel, d.h. völkisches
und kirchliches Leben miteinander zu verbinden.
Wie wurde der Muttertag nun im Gemeindegottesdienst gefeiert?
Der 2. Sonntag im Mai war jedes Jahr ein herausragender und sehr gut besuchter
Gottesdienstsonntag. Es war dabei üblich, die im letzten Jahr getauften
Kinder mit deren Müttern zu segnen, was die Anziehungskraft des Gottesdienstes
natürlich wesentlich steigerte, zumal im schönen Blütenmonat
Mai die Gärten Schäßburgs für einen ausgiebigen Kirchenschmuck
Sorge trugen. Für jede Mutter wurde ein kleines Blumensträußchen
vorbereitet .Die Segnung fand im Schlussteil des Gottesdienstes statt,
nach der Predigt, dem Hauptgebet und dem Vaterunser. Die Kirchentür
der Klosterkirche tat sich dann weit auf und die vielen stolzen Mütter
mit ihren Kindern auf dem Arm schritten durch den langen Mittelgang der
Klosterkirche zum Altar und stellten sich dort in einem großen Halbkreis
auf.
Die Segenshandlung wurde mit einer Kurzansprache eröffnet:
Liebe Mütter, so spricht Gott, der Herr: Ich will dich segnen und
du sollst ein Segen sein (1. Mose 12,1) und Jesus Christus sagt: Wem viel
gegeben ist, von dem wird man viel fordern. Gott hat euch diese Kinder
anvertraut und durch die Heilige Taufe zu seinen Kindern und Erben angenommen.
Die Taufe will zur Quelle des Segens im Leben eurer Kinder werden. Auf
dem Weg durchs Leben sollen sie mit euch und durch euch erfahren, wem
und wohin sie gehören. Kommt darum und nehmt von Gott Gnade um Gnade.
Dazu empfangt den Segen Gottes.
Segensspruch: Der Herr, unser Gott, sei mit euch, wie er gewesen ist mit
unseren Vätern. Er verlasse euch nicht und ziehe die Hand nicht ab
von euch, zu neigen euer Herz zu ihm, dass ihr wandelt auf allen seinen
Wegen und haltet seine Gebote, Sitten und Rechte.
Der Geistliche erhebt sodann die Hände und spricht: Der Herr behüte
dich vor allem Übel, er behüte deine Seele. Der Herr behüte
deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit. Amen.
Hierauf gingen die Mütter dann um den Altar und verließen im
Zuge das Gotteshaus, während die Gemeinde die Verse 2 und 3 des Taufliedes
160 sang.
Der Gottesdienst wurde mit dem Ausgangslied und dem allgemeinen Segen
beendet.
Der Segen bzw. sie Segenshandlung bildete eine starke evangelische Alternative
zu all den Gedanken und Gefühlen, die diesen Tag beherrschten. Gewiss,
Segen kann man nicht nachrechnen. Doch wenn er im Leben ausbleibt, wird
auch ein an Gütern reiches Leben armselig. Wenn es in diesem Leben
und in dieser Welt gesegnete Arbeit und gesegnete Familien gibt, so hängt
das mit diesem Segen Gottes zusammen. Darum war es eine weise Entscheidung
unserer Väter und Mütter, den Gottesdienst am Muttertag mit
dieser Segenshandlung zu verbinden sowie den Bezug zur Taufe herzustellen.
Denn hier segnet Gott seine Menschen, seine Mütter mit ihren Kindern,
dass sie in der Mühsal des Lebens und des Alltags nicht ersticken:
„Dass jede Gottesgabe in dir wachse und mit den Jahren sie dir helfe,
die Herzen jener froh zu machen, die du liebst.“ (irischer Segen).
Die Folgen des 2. Weltkrieges und die Trennung von Kirche und Schule im
Jahre 1948 veräderten langsam auch den Muttertag, der ja besonders
von seiner Ausgangslage her geprägt war. Die Überbetonung des
völkischen Gedankens fiel weg, die Kirche wurde auf ihre inhaltlichen,
die Kernaufgaben, zurückgeworfen. Diese Trennung von Kirche und Staat
bedeutete erfahrungsgemäß eine Eingrenzung der Kirche und ihrer
Arbeit. Da das kommunistische Rumänien ein Weltanschauungsstaat war,
in welchem das ganze Leben sich der Parteiideologie zu unterwerfen hatte,
ergab sich im Blick auf den Muttertag eine völlig neue Situation.
Wie feiert man in einem solchen Umfeld Muttertag?
Das seelische Bedürfnis war in der durchaus schweren Nachkriegszeit
vorhanden. Denn der Muttertag hatte sich im Bewusstsein des sächsischen
Volkes tief eingelebt, gerade auch durch die Lieder, die dabei gesungen
wurden. Doch er konnte als völkisches Fest, das keinen Bezug zum
christlichen Kirchenjahr hatte, nicht einfach fortgeschrieben werden.
Zu stark war er mit den Gefühlen und Vorstellungen einer vergangenen
Zeit behaftet. Andererseits konnte der 8. März als internationaler
Frauentag mit den obligaten roten Nelken nicht nachgeahmt werden. Der
Muttertag bedurfte deshalb einer neuen inhaltlichen Gewichtung. Es konnte
nicht mehr um die „deutsche Mutter“ und ihre Kinder gehen,
andererseits konnte die Mutter auch nicht zum Gegenstand des Glaubens
erhoben werden. Das war in den Umbrüchen der Zeit und jener Jahre
deutlich geworden. Auch der Sonntag hatte sich verändert. Christlicher
Glaube sollte ja aus der Öffentlichkeit verbannt werden. Zum andern
zog die Gleichberechtigung von Mann und Frau Veränderungen nach sich.
Die gesellschaftliche Rolle von Frauen und Müttern veränderte
sich. Sie wurden meistens berufstätig, eine Tatsache, die auch ihr
Selbstverständnis veränderte. Die Fortschreibung eines bestimmten
überlieferten Rollenverständnisses bzw. die Festlegung auf eine
„höhere“ Pflicht, war nicht mehr zeitgemäß.
Diese Entwicklung musste man zur Kenntnis nehmen. Im Blick auf die Feier
des Muttertages war also Umdenken angesagt. Die Frage war deshalb berechtigt:
Wie feiern wir in dieser neuen gesellschaftlichen Lage Muttertag?
Die evangelische Kirche in Deutschland hatte den Muttertag als Gottesdienstfeier,
die zum christlichen Kirchenjahr, das am 1. Adventssonntag beginnt und
am Totensonntag endet, keinen Bezug hat, fallen gelassen. Aus Hermannstadt,
wo die siebenbürgische Kirchenleitung saß, kamen keine Signale.
Und in der theologischen Ausbildung kam er nicht vor. Doch in den Gottesdiensten
unserer Gemeinden wurde der Muttertag weiterhin gefeiert. Im Pfarrvikariat,
der praktisch-theologischen Ausbildung nach dem Studium, übertrug
mir mein damaliger Mentor die Muttertagspredigt. Als ich ihn etwas hilflos
anschaute, meinte er: “Unsere Aufgabe ist es, heute die Verantwortung
der christlichen Mütter im Blick auf ihre Kinder und Familie in der
Gemeinde zu thematisieren.“ Mit diesem Hinweis machte ich mich an
die Arbeit und setzte mich mit der biblischen Geschichte von „Maria
und Martha“ (Lukas 10, 38–42) auseinander. Thema: Zeit zum
Arbeiten – Zeit zum Feiern. Wir erinnern uns: das „Besorgen“
der vielen Dinge, die wir um täglichen Lebens damals brauchten, nahm
einen so großen Raum im täglichen Denken und Handeln ein, dass
viele andere Dinge einfach zu kurz kamen. Unser Lebensstil drohte einseitig
zu werden, weil das ganze Trachten dem galt, „was auf den Tisch
kommt“. Auf dieses Ungleichgewicht nahm ich Bezug. Das Thema wurde
zum Dauerbrenner. Denn der Alltag bedurfte der Rückkoppelung an die
andern Werte des Lebens: Gottesdienst und Evangelium als gute Nachricht
fürs Leben. Da der Muttertag als 2. Sonntag im Mai meistens auf die
Sonntage Jubilate, Kantate, Rogate fiel, wurden mit der lateinischen Bezeichnung
der Sonntage Themen vorgegeben, die für die christliche Familie aktuell
und relevant waren. So konnten diese Themen im Gottesdienst aufgenommen
und in der Predigt entfaltet werden: das Gebet in der Familie, Singen
mit Kindern, Glaube und Familie etc. Die christliche Familie wurde im
Muttertagsgottesdienst zum Gesprächspartner.
Doch im Auf und Ab einer sich verändernden Gesellschaft blieb der
Segen am Muttertag die Konstante. Segen und Segenshandlung war während
der vielen Überlegungen nach einem verantwortlichen Tun am Muttertag
nie umstritten. Dass es so war und blieb, ist tief im Wesen des Segens
begründet. Er ist still und unaufdringlich. Er ist da, wie Gott da
ist. Segen ist weiter gegebenes Leben. Segen ist die Fruchtbarkeit der
Felder und der Menschen, die unseren Lebensweg ermöglichten. Segen
ist Leben in einer gemeinsamen Geschichte mit Gott und den Menschen am
Weg. Und Segen hängt mit dieser gemeinsamen Geschichte zusammen.
Unsere Väter und Mütter verteilten nicht nur ihr Erbe, sondern
auch den Segen, der darin lag.
In diesem Sinne feierten wir auch in einer veränderten Welt unseren
Muttertag. Wir konnten der oberflächlichen Lebensweise jener Jahre
eine Alternative anbieten, „Denn Segen meint etwas, das wir in keiner
Weise selbst herbeiführen, erarbeiten oder gar mit Geld verdienen
können, sondern das wir nur als reines Geschenk empfangen können“
(W. Stählin).
Ich komme zum Schluss meiner Ausführungen. Vieles hat sich seit 1930
verändert. Ich konnte die Erfahrung machen, dass nach 1980 immer
weniger Mütter am Muttertag zur Segenshandlung kamen. Das hatte zum
einen mit dem Generationswechsel, den wir erlebten, zu tun. Zum andern
mit dem neuen Selbstverständnis der Frau und Mutter und nicht zuletzt
mit der anhaltenden Auswanderung in den Westen. Der Wandel war unaufhaltsam.
Geblieben ist der Auftrag: „Wenn deine Kinder dich fragen... nach
Glauben und Leben.“ Und bleiben wird der Segen, den Gott uns jeden
Tag zuspricht.
Dr. August Schuller (Brühl)

Letztes Update:
2007-09-22
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