Vergangenheitsbewältigung in Rumänien
Bericht der „Tismaneanu“- Kommission: Kommunistische Diktatur
verurteilt
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Rumänien ist nach langen Verhandlungen, mit zahlreichen Auflagen
der EU beigetreten. Bereits im Vorfeld wurde im Zuge eines „von
oben“ angeregten Selbstreinigungsprozesses versucht, die noch
junge Demokratie der europäischen Familie als offene, moderne
Gesellschaft zu empfehlen.
Auch wenn aus Gründen der „nationalen Sicherheit“
noch 75000 Securitate - Akten unter Verschluss gehalten werden, so
ist der Vorgang doch bemerkenswert und dürfte, auch ohne direkten
Bezug zu Schäßburg, für alle Zeitzeugen als Genugtuung
empfunden und für die Spätgeborenen von Interesse sein.
Die Hintergründe unserer Aussiedlung werden auch für unsere
nicht direkt betroffenen Leser verständlich.
Ende Dezember 2006 präsentierte der rumänische Präsident
Traian Basescu vor dem Parlament, in Anwesenheit zahlreicher Ehrengäste,
darunter Ex-König Mihai und Polens Friedensnobelpreisträger
Lech Walesa, den Bericht der präsidialen Kommission zur Untersuchung
der 45-jährigen Kommunistischen Diktatur. Dieser Bericht könnte
eine Ergänzung der bekannten Dokumentation „Das Schwarzbuch
des Kommunismus“ von Ste´phane Courtois u.a., Paris 1997(Piper,
München 1998) sein….
In der nach dem Politikwissenschaftler Vladimir Tismaneanu benannten
Kommission hat die Schäßburger Journalistin Hannelore Baier
als Vertreterin der deutschen Minderheit mitgewirkt. In Anlehnung
an ihren Beitrag in der Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien
(ADZ) bringen wir folgende Zusammenfassung: |
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Die Kommission
„Stellt mir eine wissenschaftlich fundierte Analyse zur Verfügung
aufgrund derer ich die kommunistische Diktatur in Rumänien verurteilen
kann“. So etwa hatte Staatspräsident Traian Basescu in einem
Gespräch mit Rodica Palade, der Chefredakteurin der Wochenzeitung
„22“ sich ausgedrückt, als diese ihn fragte, warum er
durch Absage vom totalitären Regime die Voraussetzung nicht schaffe,
dass der Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit weniger Hürden
in den Weg gelegt werden. Damals erhitzten sich die Gemüter angesichts
der Ernennung des neuen Vorsitzenden des Kollegiums der Behörde für
das Studium der Archive der ehemaligen Securitate, CNSAS, der rumänischen
„Gauck“- Behörde - und die Übergabe der Dossiers
aus dem Archiv des Rumänischen Nachrichtendienstes SRI an CNSAS.
Nach dem Modell der von seinem Vorgänger Ion Iliescu ins Leben gerufenen
Holocaust - Kommission unter Vorsitz von Ellie Wiesel beschloss Basescu
ein ähnliches Gremium zu gründen.
Am 20. April 2006 wurde die Präsidentschaftskommission für die
Analyse der kommunistischen Diktatur ins Leben gerufen. An ihre Spitze
berief er den – wie Wiesel – aus Rumänien stammenden,
aber in den USA lebenden Politikwissenschaftler Vladimir Tismaneanu. Sie
sollte bis Jahresende, d.h. vor dem bevorstehenden EU - Beitritt einen
„kohärenten und rigorosen“ Bericht vorlegen, aufgrund
dessen dem Präsidenten die Möglichkeit gegeben wird, die kommunistische
Diktatur in Rumänien zu verurteilen. Der Kommission gehörten
18 Dissidenten, Historiker sowie Politologen an. Dazu gehört haben
– anders als im Parlament und in den Medien behauptet - u.a. Prof.
Dr. Alexandru Zub, der Vorsitzende der Geschichte-Sektion der Rumänischen
Akademie und Marius Oprea, der Fachmann für Angelegenheiten der Securitate
und Berater für Sicherheitsfragen von Premier Tariceanu.
Um möglichst viele Bereiche mit wissenschaftlich fundierten Beiträgen
abzudecken, wurde der eigentlichen Kommission eine 20-köpfige „Expertengruppe“,
bestehend vorrangig aus Historikern, aber auch einem Juristen und einer
Wirtschaftsfachfrau zur Seite gestellt. Deren Mitglieder war der unbegrenzte
Zugang zu den Archiven versprochen worden. Bis zum Abschluss der Arbeiten
sind allerdings nicht alle Quellen und Dokumente zugänglich gewesen.
Fünf vor sieben? fünf vor zwölf? Foto Armin Maurer
Der Bericht
Wegen einer Reihe von verwaltungstechnischen Schritten verzögerte
sich die Forschungsarbeit der Kommission, sodass als effektive Arbeitszeit
nur knappe 6 Monate verblieben. Klar ist, dass auf den 660 Seiten des
Berichts nicht alle Facetten des politischen, sozialen, wirtschaftlichen
und kulturellen Lebens in den Jahren 1944 -1990 behandelt werden konnten.
Es bestand nie die Absicht, ein endgültiges Dokument zu schaffen,
das weder ergänzt noch korrigiert werden sollte. Wenn zu den Empfehlungen,
die sich der Präsident angeeignet und im Parlament verlesen hat,
auch das Erarbeiten einer Enzyklopädie des Kommunismus in Rumänien
und eines Lehrbuchs für den Schulunterricht gehören sowie das
jährliche Vergeben von Stipendien an junge Forscher, die sich dem
Thema widmen, wäre die Fortsetzung der Arbeit gesichert.
Der Bericht, der u.a. von den Websites des Präsidialamtes (www.presidency.ro),
der Tageszeitung „Cotidianul“ oder des Fernsehsenders „Realitatea
TV“ abrufbar ist, umfasst drei große Kapitel.
Kapitel 1 ist der Kommunistischen Partei gewidmet, wobei in Unterkapiteln
die Rolle der sowjetischen Berater, die Wahlen in Rumänien, der Abbau
der Zivilgesellschaft und die Massenorganisationen behandelt werden. Am
umfangreichsten ist Kapitel 2, in dem auf die Repression und den Widerstand
eingegangen wird. Behandelt wird die Securitate als Instrument der KP
und ihre Methoden zur Rekrutierung der Informanten, die repressive Gesetzgebung,
die Gefängnisse, aber auch Zwangsumsiedlungen und das Zwangsdomizil,
der antikommunistische bewaffnete Widerstand, die Studentenproteste von
1956, die Arbeiteraufstände im Schiltal (1977) und in Kronstadt /
Brasov (1986), u.a.
Das dritte Kapitel ist mit „Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur“
überschrieben. Im Detail werden die juristischen Institutionen, die
Kommandowirtschaft, die Vergesellschaftung der Landwirtschaft, die Mangelwirtschaft
der 80er Jahre, die Demografie-Politik des Ceausescu-Regimes, die Unterrichtsreform
und die ideologische Erziehung und das Ideologie-Monopol in der Kultur
behandelt. Desgleichen wird auf die Lage der Glaubensgemeinschaften und
der nationalen Minderheiten, die kommunistische Repression in der Sowjetischen
Moldaurepublik und die Revolution 1989 eingegangen.
Die deutsche Minderheit betreffend sind auf 8 Seiten des Berichtes die
drei Maßnahmen analysiert, die sie im Besonderen betraf: die Deportation
in Arbeitslager, die Agrarreform und die Familienzusammenführung
bzw. „Verkauf”. Mit umfangreichen Quellverweisen werden im
Bericht einzelne Aspekte des Schicksals der deutschen Minderheit aufgeführt.
Im Unterschied zu anderen Minderheiten, wurden die Deutschen mit dem Frontwechsel
Rumäniens am 23. August 1944 und die Trennung der meisten Familien
infolge des von Deutschland verlorenen Krieges schwer getroffen. Als Begründung
für die Unterdrückung der deutschen Minderheit werden genannt:
das Volksgruppengesetz von 1940, nachdem die deutsche Minderheit insgesamt
zu Kollaborateuren Hitlerdeutschlands erklärt wurden sowie das Deutsch-Rumänische
Abkommen von 1943 zur Einberufung rumänischer Staatsbürger deutscher
Volkszugehörigkeit in die Waffen-SS, in Folge dessen bei Kriegsende
50.000 Rumäniendeutsche dem feindlichen Lager angehörten. Es
werden erwähnt die Flucht aus Nordsiebenbürgen und dem Banat,
die Umsiedlung der Deutschen aus Bessarabien, der Bukowina und Dobrudscha
und die Internierung der Heimkehrer. Die Aberkennung bürgerlicher
Rechte bis 1948 sowie die allgemeine Enteignung einschließlich der
evangelischen und römisch-katholischen Kirche bei gleichzeitigem
Verzicht auf eine gewaltsame Vertreibung wie im heutigen Polen, Tschechien
und Ungarn geschehen.
Es werden die Enteignung und die teilweise Restitutionen an die deutsche
Landbevölkerung, die Arbeitslager, die politischen Prozesse (1959)
sowie die kulturellen Einschränkungen erwähnt.
Ausführlicher und mit Zahlen belgt ist der „Wiederaufbau”
in der Sowjetunion. Die Deportation, unter anderem aufgrund eines von
Stalin persönlich unterschriebenen Befehls betraf 69 332 Personen
aus Rumänien, zusätzlich 5 324 Deutsche aus den 1945 zu Ungarn
zählenden Gebieten. Genannt wird die Zahl von rund 30 000 Siebenbürger
Sachsen, von denen 10% in Arbeitslagern verstarben, weitere 2% bei der
Heimkehr nach 5 Jahren Zwangsarbeit. Rund 75% der Deportierten wurden
nach Rumänien entlassen, 25% nach Deutschland und Österreich.
Die Agrarreform von 1945 betraf vornehmlich die generell als Kollaborateure
eingestufte deutschen Landwirte. Sie stellten damals 74% der gesamten
deutschen Minderheit dar. In einem Erfolgsbericht von Januar 1947 wird
gemeldet, dass bis dato 143 000 Sachsen und Schwaben enteignet wurden,
bzw. 804 Tausend Joch Ackerboden gleich 95% der dieser Minderheit gehörenden
Flächen. 1953 wird dieses alles als Fehler eingestanden, jedoch eine
Rückgabe mit einhergehender Zwangskollektivierung verknüpft.
Die „Familienzusammenführung” ab 1950 nach Absprache
mit der Bundesregierung, insbesondere der Regierung Brandt und Schmidt,
zu Beginn durch private Vermittler und dem Roten Kreuz, wird mit Zahlen
belegt. Diese dürften insbesondere für den rumänischen
Leser, der von einem „Verkauf” der Deutschen (und Juden) gehört
hat, von Interesse sein. Für ein Kopfgeld zwischen 1800 und 11000
DM, mit periodischen Aufbesserungen und zusätzlichen Bonus-Zahlungen
bei mehr als 11000 Menschen pro Jahr hat Rumänien allein 1967-1989
1,4 Milliarden DM von der Bundesrepublik erhalten. Auch werden zusätzliche
Ausbildungsentschädigungen und Bestechung erwähnt.
In den Unterkapiteln über die ungarische Minderheit, die Deportation
der Banater in den Baragan, das Zwangsdomizil sowie die Kontrolle des
Wohnraums oder die Schulreform u.a. sind allgemeine Fakten aufgezählt,
von denen die Deutschen in Rumänien mitbetroffen waren. In den Schlussfolgerungen
werden als zu den Dissidenten sowie Regimegegnern und –Kritikern
zählend Herta Müller, William Toto, Richard Wagner und Helmut
Frauendorfer namentlich genannt.
Die einzelnen Unterkapitel sind von unterschiedlichen Autoren verfasst
worden und der zurzeit vorliegenden Variante des Berichts ist anzumerken,
dass er nicht aus einer Feder stammt. Für die Drucklegung sollen
die Kapitel nun vereinheitlicht werden.
Die Verurteilung
Als Begründung für die Verurteilung der kommunistischen Diktatur
in Rumänien sind in der Schlussfolgerung zum Bericht 21 Punkte aufgezählt:
(1) Aufgabe der nationalen Interessen durch grenzenlosen Servilismus in
den Beziehungen zur Sowjetunion nach 1945,
(2) Vernichtung des Rechtsstaates und des Pluralismus, insbesondere nach
der Wahlfälschung von November 1946,
(3) Zerschlagung der politischen Parteien und der verfassungskonformen
Kontinuität durch den Staatsstreich vom 30.12.1947 und gewaltsame
Absetzung des Königs.
(4) Einführung einer Moskau-hörigen, den kulturellen und politischen
Werten feindlich gesinnten Diktatur, Liquidierung der Gewerkschaften,
der Sozialdemokratie, Unterordnung der Justiz den Interessen des Regimes
(5) Durchsetzung der Gewaltherrschaft der „Nomenklatura“ unter
dem Deckmantel der „Diktatur des Proletariats)
(6) Politik der sozialen Exterminierung (physische Liquidierung, Deportationen,
Zwangsarbeit) des Bürgertums, der Bauern, Intellektuellen, u.a.
(7) die Verfolgung der ethnischen, religiösen, kulturellen oder sexuellen
Minderheiten, Unterdrückung jeglicher Gedankenfreiheit
(8) Liquidierung politischer Häftlinge
(9) Liquidierung des antikommunistischen Widerstands („Partisanen“,
u.a.)
(10) Repressalien gegen die Gegner des Kommunismus, die Religionsgemeinschaften,
die zionistische Bewegung sowie der Verbot der Griechisch-Katholischen
Kirche
(11) Einkerkerung und Liquidierung der Bauern, die sich gegen die Zwangskollektivierung
erhoben, Niederschlagung bäuerlicher Revolten
(12) Deportationen mit dem Ziel der Exterminierung, ethnische Repressionen,
Vertreibung und „Verkauf“ der Juden und Deutschen
(13) Unterdrückung der nationalen Werte, der westlichen Kultur, Demütigung
der Intellektuellen, extreme Zensur
(14) Unterdrückung der Studentenbewegung 1956 und der Sympathiekundgebungen
für Ungarn und Polen, Studentenprozesse
(15) Niederschlagung der Streiks im Schiltal (1977) und Kronstadt (1987)
(16) Verhaftung bekannter Dissidenten in den 70er- und 80er-Jahren, Auftragsmorde
und Prozesse angeblicher Verräter
(17) Zerstörung des historischen und kulturellen Erbes, ein Viertel
der historischen Altstadt von Bukarest, „Systematisierungen“
der Dörfer
(18) Folgen der „Demografie-Politik“ (1966-1989) mit tausenden
Toten
(19) Einführung von irrwitzigen Normen zur „rationellen Ernährung“,
das Volk war dadurch zu Hunger und Kälte verurteilt
(20) Instrumentalisierung der materiellen und geistigen Armut der gesamten
Bevölkerung zur kommunistischen Machterhaltung, ein Volk als Experimentiermasse
für ein irrsinniges Experiment des „Social Engineering“.
(21) und nicht zuletzt die von Ceausescu mit Genehmigung der Parteiführung
angeordnete Tötung von Aufständischen während der antikommunistischen
Revolution 1989.
Ob damit ein Unrechtssystem lückenlos analysiert wurde, eine zwei
Generationen währende Ära aufgearbeitet wurde, sei dahingestellt.
Immerhin werden Fakten bisheriger Tabu-Themen beim Namen genannt. Auftraggeber
und die Untersuchungskommission haben sich um die Aufklärung von
millionenfachem Leid verdient gemacht.
Für die 45 Jahre währende kommunistische Herrschaft werden 500.000
bis 2 Millionen Opfer geschätzt. Die Zahl umfasst jene die ermordet
wurden, in den Gefängnissen oder Lagern saßen und dort starben,
aber auch diejenigen, die „nur“ ein Zwangsdomizil hatten.
Ihnen und ihren Nachkommen gegenüber entschuldigte sich Präsident
Basescu im Namen des demokratischen rumänischen Staates.
Nachwort: In einem Fernsehduell anlässlich der
Präsidentenwahlen 2004 hatte sich Basescu vor einem Millionenpublikum
freimütig geäußert „Die Rumänen sind dazu verflucht,
zwischen zwei ehemaligen Kommunisten wählen zu müssen, zwischen
Adrian Nastase und Traian Basescu. Nach 15 Jahren gibt es immer noch keinen
Politiker, der nicht von kommunistischen Verhaltensweisen geprägt
wäre.“ Ob es den nun nach 18 Jahren gibt? Er wurde gewählt,
nannte die Dinge beim Namen, er brach das Gesetz des Schweigens. Er wollte
einen Rechtsstaat in dem die Gesetze für alle gleichermaßen
gelten und wurde vom Parlament seines Amtes enthoben…. (Aus „Die
Kleptokraten putschen“, FAZ vom 23.04.2007).
Letzte Meldung: In einem am 19. Mai 2007 abgehaltenen Referendum sprachen
sich rund 75% der Wähler gegen eine Amtsenthebung des Präsidenten
aus und widersprachen somit ihren parlamentarischen Vertretern. Die meisten
Anhänger hatte Basescu in den Kreisen Hermannstadt, dem Banat sowie
in seiner Heimat, der Dobrudscha. Mal sehen, wie der ehemalige Seemann
sein Land wieder in ruhiges Fahrwasser bringt und den „Kreuzzug
gegen die Korruption“ (Reuters) fortsetzen kann.
Hermann Theil (Weinsberg)

Letztes Update:
2007-08-30
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