Solidarität und Nächstenliebe

Das Elisabeth-Jahr 2007: ein Europa der Wertegemeinschaft
Am l7. November 2006 begannen die Feierlichkeiten zum Elisabeth-Jahr
2007 mit einem Vespergottesdienst in der Marburger Elisabethkirche. Das
Gedenkjahr, das auch einen Bezug zu Siebenbürgen hat, will an eine
bedeutende Frau in der Geschichte der christlichen Kirche Europas erinnern:
Elisabeth von Thüringen.
Anlässlich dieses Jubiläums blicken wir auf ihren 800. Geburtstag
zurück. Dazu gibt es eine Wanderausstellung „Krone, Brot und
Rosen“, die in Kassel eröffnet wurde.
Wer war Elisabeth von Thüringen und wofür steht dieses Jubiläum?
Elisabeth von Thüringen wurde am 7. Juli 1207 auf der Burg Sarospatok
bei Pressburg (heute Bratislava) geboren. Sie war die Tochter des ungarischen
Königs Andreas II. und Gertruds von Andechs-Meranien. Ihr Vater,
Andreas II., stellte bekanntlich 1224 den Siebenbürger Sachsen den
„Goldenen Freibrief“ für „seine getreuen Gastsiedler,
die Deutschen jenseits des Waldes“ aus, Siedler, die sein Großvater
Geysa II. (1141–1161) gerufen hatte.
Die Sage erzählt, dass der Landgraf Hermann I. durch den siebenbürgischen
Sänger und Magier Klingsor Nachricht von dieser Geburt erhielt. Klingsor
hatte sich nämlich am berühmten sowie sagenumwobenen Sängerkrieg
auf der Wartburg beteiligt. Sogleich machten sich Brautwerber auf den
Weg. Ihr Werben um die Hand der jungen Königstochter war von Erfolg
gekrönt. Im zarten Alter von nur vier Jahren wurde Elisabeth auf
die Wartburg gebracht und mit Hermann symbolisch verlobt. Als Neunjährige
verlor die junge Braut ihren künftigen Gemahl .Doch der Zweitgeborene
aus der Familie, Ludwig IV., sollte daraufhin ihre Liebe gewinnen. Schon
als 14-Jährige heiratet Elisabeth den jungen Ludwig IV., dem sie
drei Kinder schenkt: Hermann, Sophie und Gertrud. Ihr Mann stirbt 1227
auf dem Weg in den fünften Kreuzzug, dem er sich angeschlossen hatte.
Im Jahr darauf verließ Elisabeth die Wartburg und ging nach Marburg.
Sie folgte damit nicht nur dem Ruf ihres Beichtvaters Konrad, sondern
auch dem Ruf ihres Gewissens und Herzens. Schon auf der Wartburg hatte
sie sich dem Armutsideal der Bettlermönche, der Franziskaner, zugewandt.
Diese hatten innerhalb der damaligen Kirche eine sozial-religiöse
Erneuerungsbewegung gegründet, die das Armutsideal der Bergpredigt
Jesu ernst nahm und vorlebte. Elisabeth wurde zur Kultfigur dieser Bewegung,
die Kirche und Gesellschaft von innen her erneuerte. Sie stellte ihr Leben,
ihr Hab und Gut und ihren Einfluss in den Dienst der Armen und Kranken,
gab den Bettlern zu essen und beherbergte Pilger. Sie verkaufte sogar
ihren Schmuck, sparte sich das Essen vom Munde ab, um es den Armen zu
geben. In Marburg, wo sie wirkte, starb Elisabeth im frühen Alter
von nur 24 Jahren als Franziskanerschwester im Jahre 1231.
Wofür steht Elisabeth?
Sie steht für die christlichen Wurzeln Europas. Aus gutem Grund ist
Elisabeth von Thüringen den Menschen in Europa zum Leitbild eines
tätigen Christentums sowie zum Sinnbild eines selbstlosen Lebens
im Dienste des Nächsten geworden. Elisabeth steht somit für
eine Wertegemeinschaft, die Menschen und Länder miteinander verbindet,
und sie steht für Werte, welche die Mitte des Lebens ausmachen: Solidarität
und Nächstenliebe. Das Signal, das dieses Jubiläum aussendet,
lautet: das vereinigte Europa freier Handelszonen braucht als Wirtschaftsmacht
auch eine Seele, ein menschliches Gesicht. Deshalb muss der Prozess der
europäischen Integration auf der Grundlage gemeinsamer Werte und
einer gemeinsamen Vision fortgeführt werden.
Das Jubiläum erinnert uns zum einen daran, dass Europa mehr ist als
eine große Wirtschaftsmacht. Zum andern lehrt es uns, dass Einheit
in der Vielfalt aufgrund von Werten möglich ist. Elisabeth ist eine
europäische Persönlichkeit: Geboren wurde sie im Königreich
Ungarn, als Landgräfin wirkte sie in Eisenach und auf der Wartburg
und als Franziskanerin in Marburg. Spuren der Erinnerung an sie findet
man überall in Europa. Als junge Frau, die ihren christlichen Glauben
in den Dienst der Armen und Kranken stellte, war sie, gemessen an den
Verhaltensnormen ihres Standes sowie ihrer Zeit, eine widerständige
Frau. Sie definierte ihren Glauben nicht als Privatsache, sondern ging
damit an die Öffentlichkeit und wurde zur Zeugin.
Wer Gelegenheit hat, die Wartburg zu besuchen, stößt während
eines Rundganges durch den Palast auf die Elisabethkemenate mit einem
wunderschönen Glasmosaik aus den Jahren 1902–06. Diese Mosaikbilder
schildern das Leben der heiligen Elisabeth. Im Arkadengang des Obergeschosses
befindet sich die Elisabethgalerie. Hier stellen sechs große Freskenbilder
wichtige Ereignisse aus ihrem Christenleben dar. Elisabeth hatte unterhalb
der Wartburg ein Hospital für Arme errichten lassen. Eines Tages
wurde sie beim Hinuntertragen der Speisen von der vornehmen Hofgesellschaft
beobachtet. Als sie aufgefordert wurde, vorzuzeigen, was sie unter ihrem
Mantel verbarg, kam sie der Aufforderung mit einer Notlüge nach:
„Ich trage Rosen unter meinem Mantel.“ Elisabeth wurde daraufhin
gezwungen, ihren Mantel zu öffnen. Alle staunten und wunderten sich:
Aus dem Brot, das sie schenken wollte, waren tatsächlich Rosen geworden.
Was gibt uns dieses Elisabeth-Jubiläum mit?
Werte müssen lebendig erhalten und in die Lebens- und Politikgestaltung
eingebracht werden. Papst Benedikt XVI. sagt: „Wer zu Gott geht,
geht nicht weg von den Menschen, sondern wird ihnen erst wirklich nahe.“
Dr. August Schuller (Brühl)

Letztes Update:
2007-08-30
- Adresse dieser Seite: http://www.hog-schaessburg.de
/ http://www.schaessburg-net.de
© 2000 by kdg
|